eißzeit in Moabit

Am Ende pressten sich die Musiker ihre Handballen gegen die Ohren, um unter dem Donner des ausgebrochenen Jubels nicht zu ertauben.

Was war geschehen?

Die Band eißzeit gaben ein Akustikkonzert im rappelvollen kallasch&.

Die nächste eißzeit wird heiß

Dass es sich bei dem Duo der Frontfrau-Rampensau Elise Eißmann und ihren Partner Niklas Kortländer (Produzent und eigentlich Schlagzeuger, heute auch noch Gitarrist) um Deutschlands rosige Zukunft in der Popmusik handelt, kann man guten Gewissens behaupten. Nichts gegen Mine, Silbermond und Großstadtgeflüster – aber was uns die kleine Elise gibt, ist doch das was wir uns insgeheim alle wirklich wünschen. Und es ist so groß, dass sie über lange Zeiten zum Aushängeschild für die deutsche Musik werden könnte.

Die Berliner Band – die es auch in kompletter Formation gibt – besteht seit 2014 und wurde gegründet, nachdem sich die beiden bei der Aufnahmeprüfung für den Studiengang Jazz kennenlernten.

Zum Abschluss ihres fleißigen und erfolgreichen Jahres 2017 (samt EP, Videos, Straßenmusik-Challenge) gönnten sich die beiden einen 4-wöchigen Urlaub in der brutzeligen Sonne Thailands, und kehrten jetzt solarenergiebetankt auf die Bühne zurück.

Ihre erste Show in 2018

Wer das kallasch& noch nicht kennt: Das „Moabiter Barprojekt“ veranstaltet regelmäßig anspruchsvolle Konzert- und Kulturevents, Poetry Slams und Offene Bühnen und ist allein der wohligen Atmosphäre wegen immer einen Abstecher wert. Zu den Konzerten sollte man pünktlich erscheinen, denn es wird schnell voll. Und so geschah es, dass sich schon beim Voract „Slow“ das hereinströmende Publikum in den hinteren Reihen wie eine Lasagne aufschichtete.

Um das leibliche Wohl seiner Fans besorgt, verwandelte Niklas kurzerhand die hinteren Stuhlreihen in Stehplätze, und Elise kommentierte hüpfig: „Ihr werdet nachher eh alle tanzen!“

Und dann ging es auch schon los.

Mit gespreizten Augen und aufgeklapptem Mund

Ohne viel Gerede steigen sie gleich ein mit einem echten Hit, „Komm mal klar„. Ein anregendes Stück und ein verdammter Ohrwurm, der das Publikum von der ersten Sekunde an packt. Man merkt, dass der Song aus dem Herzen geschrieben wurde, von einer Frau die ihr Glück erst immer dann fand, wenn sie ihre „beschissene Angst“ überwunden hat. Viel wichtiger aber: Das Lied selbst wird zum Anlass für eine Performance der Angsüberwindung, für welche die Sängerin einen enormen Mut braucht. Ausweichen geht nicht – und sie singt das nicht nur, sie führt es vor. Das ist politischer, als es ihr wahrscheinlich bewusst ist.

Mit „Sonnendeck“ schicken eißzeit nun ihren Evergreen hinterher, den die eingefleischten Fans inbrünstig mitsingen. Für das Stück haben sie extra Saxophonisten Amadeus von der Straße auf die Bühne geholt. Er pustet ein akrobatisch abgedrehtes Solo, und wird dabei von Elises Salomé-Tanz zu neuen artistischen Höhen angestachelt. Er bekommt prompt tosenden Applaus. Elise ist nun auf richtige Betriebstemperatur geheizt und nimmt die Hörer im Call&Response mit: „Ich bin raus!“ – „Bin dann mal weg!

Es ist schon was, wenn man als junge Band bereits beim zweiten Stück den ganzen Raum zum Überkochen bringt und auch die erreicht, die hierher heute Abend nur aus Neugierde gekommen sind. Ich will meinen Eindruck in meinem Büchlein notieren, und schreibe, mit gespreizten Augen und aufgeklapptem Mund, nur: „Wow.

Atemberaubende Stimme

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Spätestens ab ihrer dritten Nummer, dem frech-aufmuckenden „Hab ich dich nach deiner Meinung gefragt?“, ist die springende Frau am Mikrophon komplett im Showmodus. Töne treffen – das mal nur am Rande – ist für sie gar kein Thema mehr. Stattdessen erforscht sie die Möglichkeiten, die ihre außergewöhnliche Stimme ihr bietet.

Gelegenheit, ein paar Worte über diese Stimme zu verlieren. Sie beherrscht ein ziemliches Register und reizt dieses auch bei fast jedem Song aus.

Besonders ist schon, was für ein Bass aus diesem kleinen Körper kommen kann, wenn sie in den tieferen Lagen beinahe spricht und an eine der Damen Marke Dietrich und Kneef erinnert.

In den Höhen aber, wenn sie an den Punkt des Platzens kommt, tritt eine wundervolle, ganz andere Facette in Erscheinung: Sie zieht sich in dieser Ekstase auch immer ein wenig zurück und haucht gleichzeitig wie sie schreit, ist lieb und stachelig zugleich. In allen Höhenflügen, Ausbrüchen und Jauchzern wirkt sie dadurch auch suchend und verletzlich wie ein kleines Mädchen.

Nach einem Schwank aus dem Thailand-Urlaub – Zitat: „Wir haben nichts vom Dschungel gesehen außer unsere Füße.“ – stellen eißzeit ihre Ballade „Weit weg“ vor. Hier wird eine Palette an Gefühlen und deren Nuancen geliefert – mein lieber Herr Gesangsverein!

Eine Ballade ist immer erst dann komplett, wenn sie auch die wütenden Facetten des Schmerzes zeigt und aus dem banalen Traurig- und Sehnsüchtigsein herausbricht. Und hier haben eißzeit einen Song parat, der – man hofft es inständig – noch viele Menschen erreichen und berühren wird.

Fiese Grüße an Dieter Bohlen

Nach einer Ohrenpause-Nummer namens „Ist da mehr“ – an und für sich ein guter Popsong, aber heute etwas ausgepowert interpretiert – erzählt uns Elise von einer Anfrage seitens „Deutschland Sucht Den Superstar“: Eine E-Mail flog herein, eißzeit wurden außerwählt und eingeladen zum Casting. Doch wusste die Band nicht, ob ja ob nein ob jein. Was konnten sie tun? Zur Antwort schickten sie ein Musikvideo des nun folgenden Songs.

Ziemlich scharfsinnig durchschauen und sezieren sie die Mechanismen der Popgiganten-Maschinerie. Wie wohltuend ehrlich! Entsprechend ekstatisch performt Elise. 90% des Songs singt sie ohne Mikrophon. Es hätte sie eh nicht mehr verstärken können.

P.S.: Deutschland Sucht Den Superstar wollte eißzeit noch immer. Alles gesagt.

Aus der Bahn!

Das Beste aber hat sich die Band für den Schluss aufgehoben.

Elise erinnert jetzt immer mehr an den jungen Eddie Vedder, diesen „Ich singe, weil ich nicht anders kann“-Typen, der sich zerreißt und abfackelt, bis nichts mehr von ihm übrig bleibt, jede Nacht und jeden Ton auf’s Neue.

Für „Aus der Bahn“ tritt Bläser Amadeus erneut auf, fährt Achterbahn auf den wildesten Saxophonskalen dieser Welt und das Publikum steht mit ihm Kopf. Daran, dass es nach so einer unglaublich gut geschriebenen Popnummer – alle Songs stammen übrigens aus der Feder von Niklas und Elise – eine Zugabe geben muss, hatten die beiden vorher zum Glück auch schon gedacht. Und entsprechend setzen sie noch einen drauf.

Elektrisch“ erinnert unweigerlich an Nina Hagen. ein schwer hitverdächtiger Song, der alles hat, bei dem alles passt, und den man sich ohne weiteres in der O2-Arena vorstellen kann, wo er Tausende zum Singen und Tanzen bringt.

Für den famosen Abschluss haben sie sich „Wer ist hier der Kapitän?“ aufgehoben, der „Elektrisch“ im Hitpotenzial nochmal toppt und dank des steilen Refrains mindestens drei Tage lang Ohrwurm bleibt.

Und jetzt verausgabt sich Elise bis auf’s Letzte bis sie am Ende kaum noch stehen kann. Die Verbeugungen während des frenetischen Jubelkonzertes des Publikums verbringt sie zu ihrem Glück eingehakt in der Mitte zwischen Amadeus und Niklas, und es ist anzunehmen, dass sie sonst einfach umgeklappt wäre.

Wenige Sekunden später steht sie strahlend mit Niklas am Merchendise und gibt Autogramme und verkauft CDs. Noch sind sie keine Superstars. Aber der Weg von eißzeit wird ein besonderer sein und man wünscht sich, dass er mindestens so groß wird, wie die Herzen aus denen diese Musik und diese Energie entspringen.

Fotos: Thomas Künzel

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