NanoGott

EIN PORTRAIT

PHÄNOMENOLOGIE DES NANOGOTT

Das Hemd zu groß, die Hose zu weit – den Gürtel ordentlich enger geschnallt: so begegnete mir der NanoGott eines Abends zufällig und spielte mir seine Lieder vor. „Was ist das?“ fragten sich meine verblüfften Ohren. Und der Kopf versuchte das Ungewöhnliche mit Begriffen einzufangen: Ein singender Schriftsteller? Lyrikmusik? Avantgarde-Songwriter?

Je gebannter ich lauschte, desto tiefer sog es mich ein in die fremde, faszinierende NanoWelt. Und so erwuchs der Wunsch in mir, dem von seiner Musik Durchsprudelten, das Phänomen „NanoGott“ schreibenderweise zu rühmen.

Den NanoGott zu fangen und ihn wie ein zoologisches Exemplar, eingesperrt in einen Ismen-Käfig, auszustellen, ist zum Glück nicht nur unmöglich, sondern auch kontraproduktiv. Er würde einfach verschwinden. Daher wollen wir uns an ihm in freier Wildbahn erfreuen und seine Bewegungen durch ein Fernrohr betrachten.

Zu allererst fällt uns dabei auf, dass der NanoGott, wenn man ihn lässt, auf allen erdenklichen Ebenen Räume öffnet. Räume, die mitunter kafkaesk anmuten und anfangs gar befremden. Er stellt sie aus und, betritt man sie, so findet man sich umhüllt von feinst gewebten Atmosphären, die – als Kunstwerke aufgefasst – ihrer Zeit weit voraus sind. Die NanoWelt: ein lebendiges Hybrid. Wer eintaucht, dessen Hirn pulsiert.

GRÜß GOTT

Kranich I

Da sitzt er. Ein freundlicher, auch schüchterner Herr, beinahe unscheinbar. Doch in ihm lodern stürmische Ideen – gefährlich und kühn, man denkt an den jungen Schiller. Wenn er erzählt, wirkt er jedoch kaum wie ein Revoluzzer, der dir das nächste große Ding anpreist. Er wirkt eher wie ein an seinem Erstaunen über die Welt demütig gewordener Wissenschaftler. Wenn er erzählt, wirkt er wie aus einer Welt, in der es Hype, Reichtum und „berühmt durch Musik“ nie gab und nie geben wird. Sympathisch.

Aufgewachsen ist Michael, der Prä-NanoGott, am Bodensee, in einer ereignisarmen Gegend. Wollte er etwas lernen – und das kam oft vor – hat er es sich selbst beigebracht. So entkam er dem Tod durch Dorf. Bis heute zeichnet ihn eine unstillbare Neugierde aus, mit der er sich lauter „Sehnsuchtsorte“, wie er sagt, lernend erschließt. Der ältere Bruder wurde ihm früh zum Vorbild, denn dieser konnte zu den Liedern aus dem Radio mitspielen. Dem wollte Michael nacheifern, und so bekam er mit 12 Jahrne eine Nylongitarre geschenkt. Auf ihr hob er sich empor, von den ersten mühsamen Tönchen über die Serpentinen des Gypsy-Jazz bis hoch hinauf zu den galaktischsten Dudeleien. Und steht er heute auf der Bühne – ja: das ist sie! Ein eigenes Lebewesen, seine erste Gitarre. Man spürt es, er ist nicht allein, denn sie spielt mit ihm.

Nach dem Abitur zog Michael nach Berlin, wo er, nebst Linguistikstudium, in verschiedenen Combos spielte und sich Stück für Stück vom Bühnenrand (Rhythmusgitarrist in einer Reggaeband) gen Rampenlicht (Leadgitarrist und Backgroundsänger in einer Soulband) vorarbeitete. Bis der Moment gekommen war, in dem das Selbstbewusstsein ihm die Erlaubnis erteilte an sich als Solokünstler zu denken. Und da erschien ihm der NanoGott.

NANOGOTT

Die Naturwissenschaften messen, beschreiben und klassifizieren alles was uns umgibt. Selbst die Liebe ist als biochemischer Vorgang entschlüsselt.

Das ist Entfremdung durch Benennbarkeit. Jedem Gegenstand, den ich glaube zu ergreifen, indem ich ihm einen Namen gebe, raube ich dadurch seine Seele. Eine Verortung in der unübersichtlich gewordenen Welt findet auf diese Weise nicht statt. Es ist, als würde der an sich magischen Realität die Magie entzogen. Und übrig bleibt kalte Mechanik. Und wenn man so will: Surreale Sachlichkeit. In seiner Angst, nichts von dieser Welt zu verstehen, versucht der Mensch im Zeitalter der Naturwissenschaften alles zu „wissen“. Man denkt an Rilkes‘ Gedicht „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ [check it out, yo], das er 1896, zu Zeiten drastischer Umwälzungen, in Berlin schrieb.

Der NanoGott lebt dort, wo Staunen, Nichtwissen und Verlernen die Schlüssel zu einer ozeanischen Welterfahrung sind. Er kocht Spaghetti mit Tomatensoße und taucht über die Beobachtung der Blasenbildung und des Blubberns ein in die erstaunlichen Kleinstvorgänge unseres Alltags. Oder über die Wunder, die eine Pflanzenblattzelle auf winzigstem Raum vollbringt: Sie verwandelt Sonnenlicht in Energie. Die Kosmen der Magie im Kaumsichtbaren sind die Tore in die NanoWelt. Hier entdeckt man Fragen, die nie beantwortet werden können: Vielleicht vermögen wir eines Tages zu wissen, wie alles funktioniert – das Warum aber ist und bleibt das letzte Geheimnis.

Und hier beginnt die Reise.

ALLES AUF EINMAL

Ein Stück, durch das man vorzüglich in die NanoWelt eintauchen kann, trägt den Titel Alles auf einmal. Künstlerisch vereint es die beiden wesentlichen NanoElemente: Am einen Ufer schwappt die Liedtradition mit anspruchsvollem Text und kühner Verbindung der grundverschiedenen Teile Vers und Refrain. Am anderen Ufer öffnet sich der Kunstraum in dem einem die Assoziationen wild um die Ohren fliegen. Und als verbindende Brücke zwischen beiden Welten steht die Metamorphose.

Ein bildhaftes Gitarrenmotiv eröffnet das Stück. Im Körper Kitzeln und kindliche Unruhe, kühler Wind auf der Haut: wir befinden uns, umgeben von Dunkelheit, in freier Natur.

Wir beginnen als kleine Hobbits unter hohem Gras. Die Erde riecht nach einem bald erwachenden Tag. Noch fliegen Fledermäuse durch die Nacht. Man hört das Schließen des Tores zur Unterwelt. Vorfreudige Neugier. Wie fliegende Würmchen erscheinen die Einwürfe der zweiten Gitarre an der Seite. Im Insektengesurr erwacht die Welt, es schwindet die Angst. Und im Anbruch dieses sich seit Jahrmillionen täglich wiederholenden Naturspektakels überflutet uns: die Euphorie. Alles auf einmal sein – keinen geringeren Wunsch kann man haben.

Wie beglückend romantisch fließen Melodie und Harmonie ineinander! Eine seufzende, liebliche Offenbarung. Alles auf einmal, jetzt und hier. Und liegt nicht fast schon ein stiller Triumpf darin, überhaupt so empfinden zu können?

Denn weder wird ein kostbarer Edelstein noch ein grotesker Aggregatzustand entdeckt, auch kein Knochen einer ausgestorbenen Dinosaurierart im Sand freigepinselt. Stattdessen: Die Sonne geht auf, Blumen blühen, Bienen sammeln Nekar. Sich daran ergötzen zu können ist nicht nur beneidenswert – es ist auch eine Fähigkeit, die sich zu bewahren unschätzbar ist. Die natürlichen Trips des Alltags als Gegenangebot zu einem Dasein in Reizüberflutung und Sinnleere.

Mit einem Mal geraten wir in einen Strudel. „Flucht nach vorn im Urknallrückenwind“. Was für eine Perle ist diese Zeile! Man möchte sie sich als Poster bestellen und an die Wand kleben. Wir befinden uns mit einem sich in die Höhe schraubenden Gitarrenmotiv in Wuchs und Metamorphose, Hybris macht sich breit. Dieses „alles auf einmal sein“ wird zur Sucht, doch kann nicht eingelöst werden, weder in den Dimensionen der Galaxien noch in denen der Strings. Der Rest ist Platzen.

Und nun treten wir ein in den musikalisch gemachten Zustand der Subjektlosigkeit, in dem alles gleichzeitig ist, und in dem wir als klitzekleines Teilchen dahin fließen. Wäre dieses Stück ein Webteppich, würde man einen fünfminütigen Stoff vor sich liegen sehen, der anfangs stabil genug zum Tanz scheint, und dessen Ende man irrtümlich als in dadaistischen Fransen auslaufend bezeichnen würde. Doch das was hier auf den ersten Blick wie ein ausgeschütteter Eimer Legosteine wirkt, ist in Wahrheit der konkreteste Teil des Stückes.

Die in der Ästhetik mitternächtlichter SWR2-Hörspiele tanzenden Scheinfragmente versetzen den Hörer in einen Zustand, der pendelt zwischen dem Fokus auf Einzelerscheinungen und einem Gesamthöreindruck. Man kann weder beim einen noch beim anderen verharren. Alles scheint durcheinander zu sein, doch genau betrachtet erleben wir hier einen Reigen der Symbiosen, bei dem Lagerfeuervibes, Chor und elektronische Elemente ineinander übergehen. Man erinnert sich an das Magische Theater in Hesses Steppenwolf oder, beim Chor, an die sprechenden Blumen in Hans-Christian Andersens Märchen.

Und hier ist es, in seiner stofflichsten Stofflosigkeit, das Alles auf einmal.

Es ist anzunehmen, dass der NanoGott diese Ästhetik immer weiter verfeinern wird, und wahrscheinlich wird sich in Zukunft sein eigentlicher, genuiner Stil aus ihr entpuppen: Dort, wo er die herkömmliche Songform verlässt und die magische Schnittstelle erwischt aus totaler Freiheit und theaterhaftem Effekt. Dort, wo seine Kunst nicht mehr nur Musik ist, sondern wo klangliche Ereignisse und Worte sich zusammensetzen und ein Bild im Kopf erzeugen, das anders nie hätte erzeugt werden können.

Und so würde er ganz aus Versehen dazu beitragen, dass die Form „Song“ endlich die nächste Evolutionsstufe erreicht.

NANOLIVE

Nano 1

Es gibt einen großen Fettnapf. In ihn tritt man, sobald man die Worte „Du hast was von Helge Schneider!“ ausspricht. Dieser als Lob auf die Entertainerqualitäten des Künstlers gutgemeinte Zuruf bewirkt bei jenem eher Scheu denn Stolz.

Also, zweiter Anlauf.

NanoGott öffnet mit seiner Musik, seinen Texten, seiner Show, seinen Erzählungen, seinen Konzerten ein solch gewaltiges Universum, dass nicht nur ein Synapsengewitter in Dir abläuft, sondern man sich erstaunt fragen darf: Wie hält er das alles zusammen, dass es nicht zerreißt?

Es geht um Märchen von alten Königen, es geht um Reggae, Schlaflieder, Sex, kafkaeske Unkrautgebüsche hinter der astreinen Fassade der Doppelhaushälfte, um Urknallrückenwinde, um Freejazz über den Rücken der Angebeteten tanzende Augen. Und oh, dein Herz ist ein Tsunami – ja!

Das ist nicht nur Songwriting auf allerhöchstem Niveau, das ist Instrumentenbeherrschung, Lyrik, Gesang, Pfeiffen, Mundtrompete, Geschichtenerzählung, Komik, James Brown, Dialekt-Imitation, und Versprachlichung sprachloser Zustände.

Ist er ein fahrender Griot der Neuzeit? Man muss ihm wünschen, dass er sich als ein solcher erkennt. Er trägt eine Bibliothek in sich, reich und komplex – man muss ihm danken, dass es ihn gibt, diesen NanoGott, und dass er (der auch schüchtern und scheu in die NanoWelt zurückkehren könnte) es wagt zu singen, zu erzählen von seinen Wahrnehmungen. Inmitten dieser lauten Welt, in der alles kreischt.

Natürlich scheut er facebook und all diesen Kram. Oh doch, Soundcloud hat er! Und zwischen zwei Gedanken verriet er mir, dass es bald ein Musikvideo gäbe. Holla, die nächste Kunstform!

NanoGott, wann und wo zeigst du dich wieder? Wann und wo spielst du uns wieder deine Lieder?

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Anspieltipps

Ewiger Tag: Die NanoWelt voll und ganz nach der vollzogenen Metamorphose. Das mutigste Stück, weil der Poet es wagt ganz wenige und sehr einfache Worte zu verwenden. Und es wirkt!

Tsunami: Ohrwurm.

Gewitter: Eine erotische Wettervorhersage.

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Titelbild und zweites Bild: Balint Meggyesi

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