Christian Graye live @ The Brit-Pub

…bis an die Ränder der Stadt

Samstag, früher Abend in Berlin.

Am Görlitzer Bahnhof aufdringliche Dealer ignorieren. Durch den Street Food Market quetschen. An der Spontandemo vor der Skalitzer 164 vorbei hechten. Polizeisperren. Stau. Besoffene Touris. SEV Bus kommt nicht. Und eine überforderte halbe Stunde später am Potsdamer Platz auf die S1 hoffen, die immer angezeigt wird und dann doch ausfällt. Typischer Berlinwahnsinn. Lektion Eins: Plane immer das Unplanbare mit ein.

Mein Plan lautet um 19 Uhr in Hermsdorf zu stranden. Das ist Up in the North, haarscharf im B-Bereich. Also knapp am Rande der Welt. Auch die Namen der Haltestellen siedeln sich am Ende des Alphabets an: Wilhelmsruh, Wittenau, Waidmannslust, …

Come with me to the desert side. Leave the stress and the city behind. See them fading in the rear view while sky’s fading from gray to blue.

Christian Graye – „Feels Like Home“

Durch das große Fenster sehe ich hinaus auf die gegenüberliegenden Bahnsteiganzeigen. Sie sagen immerzu „Wannsee“. Wie riesig ist diese Stadt. Durch offene Türen weht manchmal kalte Herbstluft hinein, und mit ihr Geruch und Geräusch eines Grillabends im Kleingartenverein. Eine Stadt und hundert Welten: Kreuzberg und Hermsdorf – auch das ist Berlin.

The Brit-Pub zu Hermsdorf

Als ich – infolge der stillen langen Fahrt skulpturgeworden – angelange, erkenne ich sogleich was Christian meinte als er durch den Telefonhörer sprach: „Keine Sorge, den kannst du gar nicht verfehlen!“ Denn The Brit-Pub, in dem das heutige Konzert stattfindet, hat definitiv den ersten Preis für die ungewöhnlichste Locationlocation gewonnen: Inmitten einer tristen S-Bahn-Unterführung sticht er als Treffpunkt für Jung und Alt in bezaubernder Unübersehbarkeit hervor. Zwischen Fliesen und hässlichen gelben Lampen herrscht Barcardi Feeling im Straßencafé-Flair. Ohne LKWs und ohne Dieselgeruch; ohne Krankenwagensirenen und ohne Pflastersteingeholper. Mit Balkonhockern, Strandliegestühlen, gemütlichen Tischchen und reizenden Leuten.

In seinem Innern ist der Brit-Pub ein kleines Lädchen. Holzig, irisch, grün. 7 Sitzplätze habe ich gezählt. Wie ein Kleintransporter. Barrierefrei. Ein paar Stehplätze gibt es auch. Also vielleicht doch – um im für diesen Berliner Randbezirk angemessenen BVG-Sprech zu bleiben – ein Rufbus. Mit Bierbar und mit Bühne.

Und auf dieser wird gleich musiziert!

Manege frei für…

Christian Graye

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© Nicole Bauer

Christian Graye begegnete mir vorab croissantessend im Wedding. Ob er mit der Romanfigur, auf die alle Frauen ihre geheimen Gelüste beziehen, mehr gemein hat als die Herkunft aus der Banker- und Wirtschaftswelt (und zufällig auch dessen Namen), müssen die Damen für sich selbst beantworten. Warum er diesen Künstlernamen wählte bleibt sein Geheimnis…

Während Christian Greys Gegenwelt in den Abgründen des BDSM spielt, besteht die Gegenwelt des Christian Graye aus den Wirrungen und Ekstasen des kreativen Lebens. Als Wirtschaftsingenieur musste er nur zu oft frustriert erleben, wie beschränkend die rein auf Marketingziele, schnelle Erfolge und Effizienzmaximierung ausgerichtete Denkweise des Kapitalismus für die wahre persönliche Entwicklung ist. Immer lauter schwoll in ihm der Ruf danach an doch endlich auszubrechen und sich ganz und allein der Musik zu widmen.

Kreativ sein bedeutet für Christian Graye die Sprache der Sehnsüchte, Wünsche und Träume kennenzulernen und zu entschlüsseln. Es bedeutet sich Raum geben für das Suchen, Stochern, Verwirrtsein. Es bedeutet spinnen und bedeutet erlauben von Unterdrücktem. Es bedeutet Fehler machen. Und vor allem bedeutet es: Mut. Und er hat gewaltigen Mut, um sich auf den Weg der seltsamen Irrlichter zu begeben, den Weg ohne Ziel – den Weg des kreativen Selbst. Und das ist doch allemal erfüllender, als eine seelenlose Hülle aus Zertifikaten und Gehaltserhöhungen zu sein an einem der Schreibtische hinter einem der Fenster in einem der Stockwerke in einer der Finanzkathedralen in Berlins gruseliger Mitte.

Christian Graye Live @ The Brit-Pub

Als ich Christian kurz vor Konzertbeginn begegne, verteilt er gerade fleißig Flyer und lacht mich an. Fünf verschiedene Designs hat er sich dafür überlegt, und er ist dabei herauszufinden, welches am besten ankommt. Er trägt sein typisches Dress, eleganter 50er-Jahre-Style, weißes Hemd und Karohosenträger. Hat ein bisschen was vom jungen Porkey LaFarge. Als wir uns begrüßen fällt mir ganz leicht seine Nervosität auf, doch ebenso schnell hat sich dieser Eindruck wieder verflüchtigt.

Christian steht erst seit diesem Jahr auf der Bühne. Und es tut gut einen Künstler zu erleben, für den jedes Konzert etwas sehr besonderes ist.

Edge of the Unknown

Es passt daher sehr gut, dass er seinen Gig mit einem energetischen, positiven Song einläutet, der Edge of the Unknown heißt. Er besingt sein persönliches Thema, seinen Aufbruch und es ist anregend, dass er sich in diesem Zustand hell, vorfreudig und hoorayhaft erlebt, statt angsterfüllt. Man denkt an Tallest Man On Earth und die freibrechende Energie aus King of Spain. Er vermittelt gute Vibes, die Melodie ist „catchy“ und die Hook stark. Ein perfekter Song für alle, die an dieser Schwelle zum Unbekannten stehen und den letzten positiven Push brauchen.

Im zweiten Song, Feels Like Home, knüpft Christian thematisch schön an den Opener an. Er erzählt uns davon, dass sich das Reisen, das „on the road“-Gefühl, das Ausbrechen und Entdecken selbst als Heimat anfühlen. Ein spannendes Bild. Nicht dort, wo wir unsere Zelte aufgeschlagen haben, sondern dort wo wir sie abbrechen ist Heimat. Bewegung, Veränderung ist Heimat, nicht die Stadt in der wir wohnen. Heimat ist ein Gefühl, kein Ort. Heimat ist das andere. So viel positiver Glaube, den Christian in seinem Song in ein halbballadiges Gewand einkleidet, was dem Ganzen die Tiefe eines religiösen Gefühls gibt, ist vielen Menschen zu wünschen in heutigen Zeiten. Wenn wir verstehen, dass Heimat ein bewegliches Gefühl ist, können wir vielleicht lernen mit wärmeren Händen den Menschen eine Heimat zu schenken, die sie andernorts aufgeben mussten.

Mich erstaunt allgemein der Kontrast des Christian mit Croissant mit dem Christian Graye auf der Bühne. Er geht mit viel Leidenschaft in die Musik, intensiv ist seine Mimik und einige Male geht er stark in die Bewegung. Den Mut, den er in sich trägt, spürt man in allen Momenten.

Out of Words

Ein Stück, wie ein am Strand bei untergehender Sonne ins Ohr geflüsterter Liebesschwur. Man spürt das Kribbeln und die sich aufstellenden Härchen.

Durch den Mittelteil seines Sets führt Christian mit seiner azurblauben Telecaster. Von Soul-Jazz über Rock’n’Roll bis zu einem Hit the Road, Jack-Cover ist alles dabei!

Go ahead

Insgesamt bemerkt man schon, dass da ein Mann auf der Bühne steht, der will. Der bereit ist seine Lebenserfahrung nicht nur mitzuteilen, sondern mitreißend zu formulieren. Der Ausbruch aus der engen Welt, die ihn umgab ist ein großer Schritt in die Freiheit, und an dieser spannenden Reise will er alle teilhaben lassen. Auf künstlerischer Ebene ist seine Gesangsstimme bemerkenswert. Sie bringt sattes Volumen, warmen Ton, ein bisschen wie Ben Harper. Er kommt mühelos in die Höhe und versteht es auch dort die Impulse fein abzustimmen. Mal spricht Christian fast, oder flüstert in der Art von Chris Isaack in Whicked Game, dann wieder bricht er aus in die Kopfstimme und man fühlt sich an Bon Iver erinnert. Und der Spirit seiner Performance, die sich auch im Schmerz noch das Positive und den Glauben an das Gute bewahrt, hat was von Jack Johnson.

Oft habe ich mir in diesen Momenten gewünscht, dass die Atmosphäre im Brit-Pub dementsprechend sensibler für ihn gewesen wäre. Wie in jeder Bar gibt es diese gewissen Geräusche, nur fallen sie hier leichter ins Gewicht. Und es stimmt, dass das Publikum an der Qualität einer Performance mitwirkt. Viel mehr als es ihm vielleicht bewusst ist.

Und so gab es auch zum Abschluss des Konzertes während zweier wunderschöner Lieder Christians diese Momente intimer Verwundbarkeit, die vom Geklapper und Gerede verschluckt wurden. Musikalische Augenblicke, die ahnen lassen, zu wie viel Gefühl Christian Graye fähig ist – auf das man sich als Hörer aber eben auch einlassen können muss.

Ausblick

Man darf auf jeden Fall gespannt sein, was sich da weiter entwickelt. Hoffentlich tritt er bald und mehr auf anderen Bühnen auf, stillere Bühnen mit aufmerksamerem Publikum. Vielleicht geht er auch dazu über noch stärker seine Stimme in den Fokus zu rücken und sich musikalisch mit weiteren Musikern an der Seite zu bereichern, welche helfen die in seinen Songs schon gut angelegten Entwürfe für Kolorit-, Dramaturgie- und Impulsreichtum noch stärker hervortreten zu lassen. Und vielleicht, vielleicht, vielleicht wagt er auch eines Tages einmal einen deutschen Text – das wäre mein ganz persönlicher Wunschtraum.

Seine Message ist bereits klar und wir werden sehen, ob er bald noch mutiger über die verschiedenen Denkweisen der Wirtschaftswelt und Kunstwelt singen wird.

Und wer weiß…vielleicht ergründet er auf seinem Weg eines Tages noch, ob nicht noch eine ganz andere Seite in ihm schwingt, wie es der „versehentlich“ gewählte Künstlername Christian Graye vermuten lässt… 🙂

BILDER

Nicole Bauer | www.facebook.com/NicoleBauerDesign

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