HERR BOGENSBERGER

EIN PLÄDOYER

Eines vorneweg: man muss ihn ernst nehmen. Wenn man das schafft, eröffnen sich einem besondere Welten. Sie bleiben verborgen, wenn man es sich zu leicht macht und weghört; bleiben verborgen wenn man sich ausschließlich dem Geraden, Gängigen, Einwandfreien und Konventionellen zuwendet.

All das ist Herr Bogensberger nicht. Im Gegenteil.

Er hat etwas zu sagen: das unterscheidet ihn vom Großteil der Berliner Songwriter. Er ist unverhohlen politisch: das unterscheidet ihn vom Hauptteil der Berliner Songwriter. Er macht sich wie kein zweiter auf offensive Weise angreifbar: er vermeidet das verlogen Glatte, das geschminkt Schöne, das virtuos Verkünstelte. Er ist ehrlich wie kaum ein anderer. Und zur Ehrlichkeit gehört, dass sie unangenehm ist. Das macht ihn einzigartig.

Wer sich davon abschrecken lässt hat nicht verstanden, dass es die Figur Herr Bogensberger geben muss. Auf dieser Welt, und speziell in Berlin. Und was für eine Bereicherung sie für die Berliner Songwriterlandschaft ist.

Ich frage mich, ob diesem Mensch, diesem Künstler, jemals die ihm zustehende Wertschätzung entgegenkam. Ob es irgendwo Leute gibt, die nicht nur erfassen was er ausdrückt, sondern ihn auch in allem unterstützen. Ich weiß es nicht und fürchte nein. Umso bemerkenswerter finde ich seinen unerschütterlichen Mut, seine Ausdauer und seine Hartnäckigkeit.

In diesem Sinne ist dieses Portrait auch ein Plädoyer. Für Herr Bogensberger.

DIE FIGUR HERR BOGENSBERGER

Müsste eine Schublade für den aus Graz/Österreich stammenden Herr Bogensberger erfunden werden, sie trüge die Aufschrift „Musikalisch-kabarettistisches Neo-Dada“. Müsste man ihm eine Tarot-Karte zuordnen, so wäre es die des Narren.

Denn in seinem Kostüm, seiner Bewegung, seinem Gesicht, seinen Haaren und seinem Lächeln steckt manchmal tatsächlich etwas von einem Spielmann aus dem Mittelalter. Als ständiger Karnevalist und „schräger Vogel“ hat er sich in Berlin den Freifahrtschein erarbeitet, immer leicht unter der Gürtellinie dichten zu dürfen. Und dort lotet er die Grenzen des Erlaubten stets aufs Neue aus.

Dennoch greift dieser Umriss zu kurz.

Denn gleichzeitig ist Herr Bogensberger ein Hamlet. Ein Verletzter. Ein kindischer Zyniker und ein zynisches Kind. Von irgendwoher rufen einem die Gemälde James Ensors entgegen, aus dessen gruseligen Maskenwelten auch die Ambivalenzen des Herr Bogensberger widerschimmern.

James Ensor - Der Tod und die Masken, 1897
James Ensor, Der Tod und die Masken, 1897

Er verachtet den Fremdenhass und die Fratzen des Kapitalismus ebenso wie die Lügen, Intrigen und Verdrehungen der Politik. Die Heuchelei des Bürgertums – auch das ist sein Thema. Seine Antwort? Er spiegelt und verzerrt – und erschafft dadurch ein genaues Abbild der Realität.

Dazu zählt auch sein unpolierter Stil. Er singt nicht im klassischen Sinne schön, aber das gehört so – das ist seine Haltung. Es mag ja sein, dass dieser Tage ein gewisser Falsett-Gesang bei männlichen Musikern in Mode ist. Es mag ja auch sein, dass dieser Tage eine technische Versiertheit höher eingestuft wird, als eine inhaltliche Positionierung. Und es mag auch sein, dass geschliffene, makellose Männer sich allgemein größerer Beliebtheit erfreuen als andauernd aneckende.

Aber…Hand auf’s Herz: Schwiegersöhne, die die Fresse halten, haben wir genug.

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HERR BOGENSBERGER HINGEGEN IST…

  1. …ein bisschen Dada: „…Daoisten unterm Birnenbaum“

Wen überrascht jetzt noch, dass sein erstes Album den eigentümlichen Titel „Anarchisten auf der Autobahn, Daoisten unterm Birnenbaum“ trägt? Mich. Auch die Namen der auf dem Album versammelten Werke muten dadaistisch an und verleiten zu Schmunzelei. Geschmacksprobe gefällig? „Im Land der Tausend Obstbäume“, „Aramäische Melodie“, „Im Rachen der Traumfabrik“, „Die Liebe auf Bäumen, in Fröschen, in Dir und in mir“, „Was es alles gibt und was Herr Bogensberger alles nicht weiß“, „Vom Anbrunzen“, „Komm und kiff mit mir“.

Das ist natürlich erst mal alles schräg. Doch dahinter verbergen sich oft bizarre emotionale Zustände, zwielichtige Heiterkeiten und eindrucksvolle Fragen an die Welt.

  1. …ein bisschen Dylan: „Rücktritt statt Rückschritt“

Auf dem Album finden sich auch „topical songs“ wieder, also Protestsongs über aktuelle politische Themen. So zum Beispiel in „Rücktritt statt Rückschritt“, bei dem Herr Bogensbergers Qualität alles aufs Korn zu nehmen voll zur Geltung kommt:

Ich weiß viel über’s Nasenbohrn
und kenne Werter’s Leid,
auch über Würmer in den Ohr’n
weiß ich ganz gut bescheid.“

Wenn die ersten Zeilen eines Songs so lauten muss die Frage gestellt werden: Ist dieser Typ geil oder ist dieser Typ geil? Musikalisch greift er kräftig in die Dylan-Truhe. Gitarre, Mundharmonika und ab geht die Luzie. Das Stück ist ein potenzieller Evergreen der Protestliedkultur. Frech, mutig, gewürzt. An ihm zeigt sich auch, dass Herr Bogensberger für ein kulturell gebildetes Pubilkum singt, das sich auf Höhe der Zeit befindet. Andernfalls fehlt einem schlicht der Zugriff, um die vielen Referenzen zu dekodieren, die Herr Bogensbergers Werke nicht nur schmücken, sondern aus deren Flechtwerk sie überhaupt erst entstehen. Diese Mühe sollte man sich machen als Hörer – denn dadurch macht die ganze Veranstaltung erst so richtig Spaß!

  1. …ein bisschen Hamlet: „Was es alles gibt und was Herr Bogensberger alles nicht weiß“

In „Was es alles gibt und was Herr Bogensberger alles nicht weiß“ hingegen stellt sich Herr Bogensberger sehr viele fast schon – pardon! – schwachsinnige Fragen, die dabei selbst ein Spiegel für den tatsächlichen Schwachsinn der Welt sind. Grotesk, verzerrt, und dadurch echt – schon befinden wir uns in hamlet’schen Finstergängen. Und aus dem Hintergrund heult eine Säge wie ein monddurstiger Wolf durch die Nacht…

Es scheint, als würde Herr Bogensberger über das halbernst-halblustige Reimen versuchen, sich „einen Reim auf die Welt zu machen“. Als würde er in einer abartig verwirrenden Großstadt als Lebewesen in Chaoszeiten eine einfache Gegenstruktur formen, die ihm dabei hilft der allgegenwärtigen Überforderung die Möglichkeit abzuringen, verstanden und erlebt zu werden.

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Foto: Gerhard Michael

Die finale Antwort auf jede der aus diesen Fragen gebildeten Strophen klingt ebenso schlicht wie resigniert: „Ich weiß es nicht, ich bin hier fremd.

Das ist nichts weniger als das Lebensgefühl in Berlin anno 2018 – in einem Satz.

  1. …ein bisschen Wecker: Vom Anbrunzen

Was ich besonders spannend an Herr Bogensberger finde, sind seine hörspielhaft vertonten Gedicht-Interludien. Die Texte sind hier komplexer, metrisch freier und außerdem reimlos. Er spricht sie mit einer abnormal faszinierenden Stimme. Man erkennt in diesen Werken seine lyrischen Vorbilder: einmal Konstantin Wecker, den er auf Ebene der Sprachkunst gar mit Rainer Maria Rilke vergleicht; ein andermal seine österreichischen Fixsterne, den Lyriker H.C. Artmann und den Liedermacher Ludwig Hirsch.

Besonders hervorheben möchte ich die Texte „Aramäische Melodie“ und vor allem „Vom Anbrunzen“, bei dem er – ich will sagen: gruselig – beschreibt, wie er es genießt sich manchmal anzupinkeln und es einfach laufen zu lassen.

Mein persönlicher Geschmack befindet, dass aus diesen Formen viel mehr Herr Bogensberger spricht als irgend sonst. Vielleicht verlagert sich ja eines Tages seine Hauptgewichtung auf diese Hörspiel-Prosagedichte. Es wäre mir ein Genuss!

Und: wie geht es weiter mit Herr Bogensberger?

Hören wir seine Interludien bald im Kulturadio? Bringt er einen Gedichtband heraus? Vielleicht führt er eines Tages eine eigene Kabarett-Show im DanTra’s auf oder erscheint als Gast in Die Anstalt. Wichtig ist nur, dass er bleibt und nicht verschwindet. Und sei es nur, damit andere sich an ihm ein Beispiel nehmen können.


BILDER

Fotografie: Gerhard Michael: https://www.facebook.com/Labudefoto/

James Ensor, Der Tod und die Masken, Quelle: https://static2.giessener-allgemeine.de/storage/image/7/1/4/3/23417_topslider_1nU0yz_3OnUPv. Stand: 2.11.2018

 

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