Ulrich Miller

Grenzen der Grenzenlosigkeit

Ulrich Miller ist Freier Improvisateur. Die letzten 20 Jahre seines musikalischen Lebens tat er kaum anderes als Klänge aus dem Moment entstehen zu lassen. Doch wurmt ihn seit einiger Zeit eine Frage, für deren Beantwortung er bereit wäre alles hinzuschmeißen: Was tue ich da eigentlich – und warum?

Auf die Bühne, zack und los! – Ohne Konzept, ohne Plan, ohne den leisesten Hauch einer Absprache. In einer Gruppe oder allein. Es beginnt wo es beginnen will, bahnt sich einen Weg und bereitet sich ein Ende. Manchmal kennt man die Mitmusiker von früher irgendwoher, manchmal ist es ihr erstes Mal gemeinsam, live on stage. Und nur dort fühlt sich Uli Miller zuhaus‘: In den Sphären der Grenzenlosigkeit, wo die Freiheit am größten ist. Wo im Miteinander neue Kommunikationsformen erschlossen werden; wo das einzige worauf man sich verlassen kann, die Intuition ist.

Beschäftigt man sich näher mit Uli Miller, schillert einem ein Lebenslauf entgegen, den nur eine Person erschaffen konnte, die immer suchte und immer auf der Suche sein wird. Wie passend, dass sein aktuelles Projekt Hunnewapp heißt. Ein merkwürdiges Wort. Das ist Friesisch und bedeutet: Maulwurf. Der sich durch die Erde Wühlende, am Tageslicht Blinde, Hügel Hinterlassende. Was er auf seinen bisherigen Wühlwegen durchs Erdenreich fand, verblüfft. Was er suchte, oft ungewiss. Gemeinsam ist der Mannigfalt der hinterlassenen Spuren nur dies: eine bizarre Radikalität beim Vorstoß ins Unbekannte.

Und ebenso radikal wie er bisher Wege einschlug, öffnete und wieder abbrach, schwingt er sich nun zum neuesten Neuen auf. Er ist – man lasse sich das auf der Zunge zergehen – bereit die Freie Improvisation, die freieste aller Formen, los und hinter sich zu lassen.

Aber zunächst schreibt er ein Kinderbuch. Für Erwachsene. Vielleicht.

QUERGÄNGE EINES MAULWURFS

Ulrich Miller wird 1967 in Bayern geboren. Über München und Leipzig gelangt er, sich nordwärts wühlend, nach Berlin. Dass der Maulwurf sich noch nördlicher denkt, deutet er an indem er das Hunnewapp-Wort aus dem Friesischen wählt. Will alles an die Küste, zum Wasser?

Auf ein Au-Pair in Irland folgt das Studium der Biologie in München, wo er sich der Fledermausforschung widmet. Er arbeitet musiktherapeutisch in einer Psychiatrie und gründet ein Patientenkino. 1992 gewinnt er den Lyrikpreis der Stadt Regensburg. In Leipzig studiert er zunächst Journalismus, doch eigentlich wollte er zum Film, um etwas über Musik zu erfahren, also studiert er Dramaturgie. 13 Jahre lang ackert er wie besessen an einer Dokumentation über Plantagensklaven in Guatemala, ohne zu wissen warum. Er, Ulrich Miller, der alles abbricht, erzwingt den Abschluss. Der Film wird ein finanzielles Fiasko. Erst später zeigt sich, dass er ohne diese Arbeit unfähig gewesen wäre die Sterbebegleitung seiner Mutter durchzuführen. Die genauen Hintergründe bleiben unklar.

Wo ist Ulrich Miller?

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Foto: Gerhard Michael

Bereits im Alter von 12 Jahren hört Uli Miller Free Jazz, und wenn er Rock auflegt, dann Scheiben von The Grateful Dead und Mahavishnu Orchestra. Er lernt ein paar Jahre privat Schlagzeug, ab da an geht es autodidaktisch vorwärts.

In Leipzig gründet er die Elektrische Nachbarschaft, eine Band bestehend aus zwei Physikern, zwei Malern und einem Bayreuther Cellisten. Das Freie Improvisieren beäugen seine Kollegen skeptisch. Um der allgemeinen Befangenheit entgegenzuwirken, erfindet Uli Übungen und Spiele, also „regulierte Improvisationen“.

Hemmungsloser geht es später in Berlin zur Sache. Als Wilde Ehe tritt er mit der Sängerin Ursula Häse auf. Scheu vor Ungewohntem gibt es nicht – gleich beim ersten Konzert wird zusammen mit der Lichtgraphikerin Claudia Reh intermedial improvisiert.

Heute gibt es weder die Elektrische Nachbarschaft noch die Wilde Ehe. Nur ein Museum der Fäden aus Anfängen, Übergängen und Enden. Menschen entfremden sich, werden sesshaft oder bequem. Uli entschied sich stets für das Neue und für die Entgrenzung. Für die Bandbreite des Lebens. Nimmt man erst alles in sich auf, so wird man…so breit, dass man in keine Tür mehr passt?

(Wilde Ehe – Kurze Impro)

 

FREIE IMPROVISATION – ZWISCHEN THERAPIE UND KUNST

Man verwandelt sich in ein Instrument, das Ego schwindet. Man führt aus was einen durchfließt, durchzuckt, durchruft. Was zum Vorschein kommt, ist über die eigene Gestalt erstaunt: es erforscht und verändert sich. Vielleicht will es Macht, vielleicht ist es eklig, vielleicht ist es Gewalt. Vielleicht ist es schüchtern, kleinlaut, huscht umher zwischen großen Blöcken. Vielleicht ist es engstirnig, trotzig, zornig, stümperhaft und quängelt. Vielleicht ist es in Stille gekleidete schönste Musik.

Manche Menschen haben große Angst vor diesem Akt. Man macht sich nackt und angreifbar. Man droht permanent zu langweilen, zu scheitern. Doch man scheitert nur, wenn man zwingt. Wenn man des Effekts gierig ist, statt zu lauschen.

Improvisation ist Therapie, denn sie ist die ehrlichste Form der Kommunikation. Damit sie gelingt, muss man aufmerksam sein. Und wie die Liebe ist Improvisation eine Kunst, die wir durch Ausüben lernen und – die uns lehrt welch überschäumendes Potenzial an Ausdruckskraft in unserem Mensch-Wesen schlummert.

(Ulrich Miller mit der Gruppe KARL-HEINZ – Ausschnitt aus einer Improvisation)

Abgesehen davon, dass Improvisation in allen Musikkulturen seit Anbeginn der Zeit ein fester Bestandteil der Aufführungspraxis ist, entwickelte sich in den USA im Jazz und Bebop ab den 1920ern ein Verständnis vom gemeinsamen Musizieren, das nach und nach jedes vereinbarte Schema auflöste und zwangsläufig in der Freien Improvisation mündete. Auch innerhalb der „Klassischen Musik“ traten diese Entwicklungen auf und fanden u.a. im Werk John Cages und der Intuitiven Musik Stockhausens einen Höhepunkt.

RICHTIGE DAUERN

Spiele einen Ton
Spiele ihn so lange
bis Du spürst
daß Du aufhören sollst

Spiele wieder einen Ton
Spiele ihn so lange
bis Du spürst
daß Du aufhören sollst

Und so weiter

Höre auf
wenn Du spürst
daß Du aufhören sollst

Ob Du aber spielst oder aufhörst:
höre immer den anderen zu

Spiele am besten
wenn Menschen zuhören

Probe nicht

-Karlheinz Stockhausen, Aus den Sieben Tagen (1968)-

In Deutschland fiel diese Entwicklung aufgrund der Demokratisierung nach dem Zweiten Weltkrieg auf fruchtbaren Boden. In den 1960ern hatte sich die Freie Improvisation als greifbare Szene etabliert. Das politische Statement dieser Musik war unmittelbar gegeben: Keine Hierarchie, keine festen Rollen und pure Energie. Die gesellschaftliche Sprengkraft, welche der Ausübung von absoluter Regellosigkeit und dem intuitiven, unwiederholbaren Spiel innewohnt, hat die Improvisierte Musik heute nahezu komplett eingebüßt. Das mag – einerseits – daran liegen, dass allgemein politische Debatten auf anderen Feldern außerhalb der Musik verhandelt werden. Andererseits sind die Aushängeschilder des Jazz derzeit nun mal aalglatte Figuren der Marke Till Brönner. Da wird es schwer vermittelbar, dass die wildeste, härteste und revolutionärste Musik des Planeten eigentlich der Jazz ist.

FILM//MUSIK

Ich traf Uli Miller erstmals im Kino Krokodil. Montag Abend, Halboktober, Greifenhagener Straße. Uli „vertonte“ dort live den Film Nanouk – Der Eskimo zusammen mit Chris Heinzte von der Avantgarde-Noise-Band Sandow. Frei improvisiert, versteht sich. Chris erzeugte Sounds mit abritschenden Gaffatapes. Uli brachte eine Vorform des Untertongesang ein, arbeitete also neben dem Schlagwerk auch mit seiner Stimme. Zeitweise spielten die beiden rein gar nichts und schlichen sich dann unmerklich wieder hinein.

Die explizite menschliche Anforderung an diesen künstlerischen Akt füllt mich mit Erstaunen. Man geht einerseits eine musikalische Symbiose ein; andererseits steht der Film im Zentrum, mit seinen eigenen, eigenwilligen Facetten. Es bedarf der Reife und inneren Ruhe, um sich auf allen Kanälen sensibel zu schalten, sein Ego auszublenden, und das gemeinsame Spiel ebenso zu achten wie das eigene, und das alles wiederum in den Dienst des Films zu stellen. Ohne eine einzige Absprache.

QUO VADIS? – AN DEN GRENZEN DER GRENZENLOSIGKEIT

Doch all das ist es nicht mehr. Wenn man merkt, dass sich in einem etwas ausdrücken will, dass die ganze Zeit nicht zur Sprache kommt, beginnt es im Körper zu murmeln und überhäuft den Geist mit Fragen. Dann schreibt Uli Miller Texte, die er mit improvisierenden Musikern live aufführt, und dann empfindet er einen Konflikt: Der Text folgt einer Struktur, die Musik aber soll frei sein – doch sie finden nie ergänzend zueinander. Sie beleben sich nicht, sie werden Kampf.

Wohin nun?

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Foto: Gerhard Michael

Wir verabredeten uns in einem Café und redeten bis zur Dunkelheit in komplizierten Blasen voneinander, umeinander und aneinander vorbei.

…und am Ende, ganz am Ende unseres Gesprächs, berührten wir John Cage.

Es war fast als führe er seicht vorüber. Vielleicht winkend, von einem Bötlein aus in dem Gewässer, an dessen Ufern wir schwere Stunden standen, schlangen und rangen. Wir sahen ihn fast aus Versehen, ein Schema nur, wie die stille Antwort auf alles. Warum es passierte, dass wir nicht weiter über ihn sprachen?

I have nothing to say
and I’m saying it.

– John Cage –


Bilder: Gerhard Michael, https://www.facebook.com/Labudefoto/

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