FLONSKE

AM STARTESTEN

Flonske hat eine Millionen Songslams gewonnen. Das liegt an den Texten: sie sind gewaltige Architekturen aus Bildfeuerwerken und pfiffigen Reimen zum Auswendiglernen. Das liegt an der Musik: sie ist ein anturnender Crossover aus Songwriter, Hip-Hop, Funk, Soul und Blues – auch mal mit Mundharmonika. Im Proberaum hat Flonske jetzt die EP „Orwo-Session“ aufgenommen – benannt nach Europas größtem Plattenbau voller Proberäume, dem ORWO-Haus. Live tanzen die Fans, während er zu den Grooves seiner Band über das Wort „Tamagochi“ freestylt. Und im Internet findet man von ihm lauter Mini-Tracks, die herumfliegen wie musikalische Postkarten. Wäre ja alles geklärt. Außer: Was bedeutet eigentlich Flonske?

Florian ist zwei Meter groß, kommt in Jogginghose (schöne Grüße an Karl Lagerfeld), trägt Bart, trägt Brille, trägt Cappie, trägt ein T-Shirt in irgendeiner Farbe mit irgendeiner Aufschrift. Und sagt meist: Es tue ihm leid, er sei müde. Echt und ehrlich, immerhin. Schnell wird einem klar, dass er nie etwas anderes ist als echt und ehrlich. Dass der Laden gerade ziemlich gut läuft, ist für ihn kein Anlass hochnäsig zu werden. Lässig, street, und – Gott, wie erlösend gut das tut! – vollkommen ungekünstelt. Während, verbogen, alle Welt krampfhaft auf Wochenendeminaren zertifizierbare Authentizität erlernen will, guckt man sich Flo an und denkt: nun…der ist es halt einfach. Kein Geschminke, kein Aufgetakel, kein Geltenwollen.

So macht er Musik, so textet er, so bewirbt er sich auf Konzerte, so kommuniziert er mit seinen Fans. Für jeden Anlass entsteht ein kleines Video aus dem Wohnzimmer in Handycam-Qualität. Auch auf Orwo-Session hat er eingangs und ausgangs je ein solches „Trackchen“ geklebt, bei dem er Hallo und Tschüss an seine Hörer sagt. Flonskes entfernt den Skits entlehnte Mini-Tracks zeigen zudem ganz nebenbei, wie man sich im digitalen Zeitalter noch immer angemessen von Mensch zu Mensch begegnen kann. Nämlich direkt, freundlich und unmittelbar. Diese Unmittelbarkeit ist sogar – pssscht! – sein Markenzeichen. Flüstert es nur! Denn in solchen Kategorien denkt er ja gar nicht…Es scheint viel mehr, als wäre Flonske permanent dabei, sich ein persönliches musikalisches Fotoalbum zusammenzukleben. Und eines Tages blättert man darin, als leiser Gast, und schließt mit einem Lächeln: Ja, da hat einer echt gelebt.

Gönn dir!

 

MUKKE UND TEXTE

Woher er diese Gabe hat: Dass ihm zu jedem Thema ein Bilderstrom über die Lippen flutet; dass er Gefühlssynonyme durchdekliniert bis an den letzten Zipfel des sprachlich möglichen; dass er sich von irgendwoher noch eine mindflashende Wendung aus dem Ärmel schüttelt; und dass er den ganzen Spaß obendrein noch hochdelikat reimt? Weiß der liebe Gott. Als Erdling jedenfalls will man sich suhlen in diesen Texten.

Weißt du noch?

Flonskes „Roots“ liegen, so viel ist klar, im Hip-Hop der 90er. Immer wieder denkt man an Freundeskreis und – unüberhörbar – die Sprachgenies von Blumentopf. Er wuchs aber auch mit Tupac und Wu-Tang-Clan auf. Flo’s eigene künstlerische Reise begann indem er freestylte. Auf vielen der US-Singles, die er damals besaß, fanden sich neben den Tracks und deren Radio-Edits, auch die reinen Vocal- und Instrumentalversionen, für die DJ’s zum Sampeln. Und über die Instrumentals übte er einfach seine eigenen Styles.

Irgendwann lernte Flo Gitarre, den üblichen Blues-Kram, und dann wurde eben naheliegenderweise über Blues gerappt. Erste Texte entstanden. Tausend Texte entstanden. Es ging weiter auf Cyphern, in denen ihm aber zu viel gebattled wurde statt einfach nur entspannt gereimt. Doch vor Publikum trat er nie auf. Erst vor fünf Jahren (!) gab er sich den Ruck und startete – ohne Bühnenerfahrung – solo unter dem Namen Flonske.

Und dann erzählte er eben von seiner Zeit. Als es noch VHS, SEGA und Donkey-Kong gab. Als man Okidoki sagte und sein wollte wie Steve Urkle. Als man meterlange Kaugummistreifen kaute und Blasen pustete, die über dem eigenen Kopf zerplatzten. Als man auf dem Schulhof Yoyo spielte. Als man Briefe schrieb, von Hand, und lauter solche antiken Sachen. Die Zeit vor Handy und Internet. Weißt du noch? Aber alles ohne Nostalgie-Filter. Denn die Zeit wird nicht verklärt – sie gehört schlicht zu einer immens spannenden Lebenserfahrung, die einfach verschluckt werden würde, würde man sich ihrer nicht ab und an lebhaft erinnern.

 

Vitamin D-oww!

Es ist die Jahreszeit
die dich von deinem blassen Teint befreit
und mit Sicherheit
die besten Memoiren schreibt

Man sieht das Flirren und die Verwirbelungen der Luft über dem Asphalt und glaubt das Phänomen der Fata Morgana zu verstehen. Man riecht die Pommes aus der Imbissbude im Prinzenbad und ist gerade barfuß in runtergekleckerte Mayo gelatscht. Es ist Sommer in Berlin und Vitamin D dessen tanzbarer Lexikoneintrag. Wunderschön inszeniert mit leckeren Gitarren, lächelnden Jamaika-Drums und legendären The-Walers-Gedächtnis-Basslines. Als Flonske im Deutschlandfunk Kultur in der Sendung „Soundscout“ mit Manfred Krug verglichen wurde, dachten die Redakteure vielleicht an dessen Lied Sonntag. Eine ansonsten unpassende Assoziation. Denn Flonskes Energie ist eine komplett andere. Stilistisch Ragga und Dancehall à la Gentleman vereinend, sitzt Vitamin D mit einem Schoko-Eis in der Hand am Spreeufer zwischen DOTA’s Sommer und Seeed’s Aufstehn. Komm‘, wir gesellen uns dazu!

 

Flieg

Ein Einstieg in bester Chili-Pepper-Manier wie bei Purple Stain. Ein Orgel-Outro-Solo, das augenzwinkernd an den Neverending-Orgasmus in Pearl Jams Alive erinnert. Und mittendrin ein Text, der dir Feuer unter’m Hintern macht, bis du entflammt aus deiner Gammelposition im Sofa hochspringst. Und fliegst. Denn Flieg ist ein ultimativer Motivationstrack, und der der der ihn rausdonnert, weiß wovon er spricht, wenn er sagt:

Ja, die meisten checken es erst wenn es vorbei ist:
Das Leben schreibt sich nicht mit Radiergummi und Bleistift.“

Geschlagene 8 Jahre hat Flonske damit verbracht sich vor dem Schritt zu drücken, mit seinen Texten und Tracks öffentlich aufzutreten. Der Grund? Selbstzweifel und (wie er es nennt) Kritikprofilaxe. Er hörte und vertraute einzig den inneren Stimmen, die ihn mit Ausreden im Nichtstun eingesperrt hielten. Als er sich endlich überwand und mit zwei Songs auf die Bühne ging, genügten ihm ein paar positive Rückmeldungen aus dem Publikum, um in seinem ganzen Leben vom Rückwärts- in den Vorwärtsgang zu schalten. Man steht sich nur selbst im Weg, wenn man sich klein hält, und auf die hört, die einen mit Bedenken und Zweifeln überhäufen. Flieg ist daher mehr als ein Beweg-deinen-Arsch-Song. Er ist sogar mehr als ein Befreiungsschlag. Er ist ein Beweisstück. Flonske macht es vor, also mach‘ dir nichts vor – raus aus deinem Kokon, it’s On, On, On!

 

LIVE

Vorangestellt sei die beneidenswerte Tatsache, dass in Flonskes Live-Set jeder Song ne Granate ist. Und Flonske ist ein Live-Act, ganz einfach. Die Orwo-Session ist fett und fresh, aber so richtig erleben kann man ihn nur auf einem Konzert. Wie er mit dem Publikum spielt und danct, wie die Band jammt, wie er freestylt, wie sich das Set aufbaut und immer weiter in die Höhe schraubt: das vermittelt kein Foto, kein Video, und keine Tonaufnahme dieser Welt.

Denn Flo weiß, was er an seinen Jungs hat. Sie sind kein wahllos zusammengecasteter Haufen, sondern leidenschaftliche Vollblutmusiker, die seine Songs verfeinern und auf ein bärenstarkes Level heben. Der Sound ist organisch und jeder bekommt seinen Raum. Wie dankbar sie einander sind, spürt man in jedem Augenblick, von der ersten Sekunde an.

 

Wesentliches Element der Show, die keine Show ist, sind die erwähnten Freestyles. Dafür lässt er sich z.B. vom Publikum Wörter geben, die es mit den 90ern verbindet. Dann legt er los, reimt sich was aus der Hüfte und fließt geschmeidig rüber nach Weißt du noch.

Ursprünglich freestylte er einfach zum Soundcheck. Doch das Publikum war schon da wie gebannt und applaudierte – also ließ man es organisch zum Teil des Sets werden. Wieder eine direkte, unmittelbare Art, um gleich von Beginn an authentische Nähe aufzubauen. Denn damit ein Freestyle „gelingt“ muss man wach sein für sich und sein Umfeld. Man hebt sich nicht über das Publikum empor, sondern begibt sich auf ein gleiches Level mit ihnen. Gleichzeitig bringt es Flonske selbst, wie er sagt, „auf Sendung“. Und die Party kann beginnen. Yeah!

Ach so, und sein Bühnenoutfit? Na das selbe in dem er Kaffee kocht, den Kater krault und zu Interviews kommt.

Wäre ja alles geklärt. Außer: Was bedeutet eigentlich Flonske?


Wer Flonske digital stalken will, bitte hier entlang:

https://flonske.de/
https://flonske.bandcamp.com/
https://www.facebook.com/flonske/

BILDER:

Thomas Beetz

 

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