SUZY VA

FREMDE VERTRAUTE WELTEN

Suzy Va’s Musik klingt fernöstlich, lateinamerikanisch und europäisch zugleich. Mit ihren Songs entführt sie uns wie auf wunderlichen Schiffen in fremde Länder und Zeiten. Aber – halt! Fremd und fern? Wir sind doch mittendrin im Schmelztiegel der Kulturen, Tag für Tag. Nur hapert es oft mit der Verständigung und dem Verständnis. Und hier kommt Suzy Va ins Spiel. Wie kaum eine andere verwandelt die in Berlin-Wedding lebende Songwriterin, was um sie herum lebt, fühlt und geschieht, in magische Musik. Jetzt veröffentlicht sie ein Album: Constantly Changing.

Gemütlich tranken wir eine Tasse Kamillentee. Frisch aufgekochte, duftende Blüten. Ein Blick in das Buch der Küchenkräuter verriet uns Überraschendes: Die Kamille ist gar kein urdeutsches Gartenkraut. Sie kommt aus Vorderasien und wurde nach Europa „eingeschleppt“. Heute wird sie vorwiegend in Ägypten, Argentinien und Osteuropa angebaut und anschließend nach Deutschland importiert.

Ein bisschen wie Suzy, denke ich, denn ich erinnere mich an ihr eindrucksvolles Konzert, das sie im Kellerkind Oranienburg gab: an arabische Klänge und alte europäische Musiken, an babylonische Legenden und lateinamerikanisches Temperament, an oneirische Tonfolgen und Geschichten schlesischer Vorfahren. Aber wo sind wir? Tranken wir nicht eben noch Tee?

Willkommen im Zauberland der Suzy Va…

SONNIGE SILBERNE FREIHEIT

…und willkommen im Libanon. Geküsst vom Morgen erhebt eine Frau ihr Gesicht zur Sonne und beginnt, klagend und mutvoll zugleich, ihren Sehnsuchtsgesang. Wie Licht fließen Töne eines Seelenerwachens aus dem Körper durch die Kehle in die sanfte Luft. Begleitet von einem Akkordeon und einem mit dem allerfettesten Pinsel gestrichenen Kontrabass, entsteht so eine aufbruchsdurstige Szenerie. Eine Minute nimmt sich diese improvisierte Einführung Zeit, ehe das eigentliche Stück mit seinem anregenden Beduinen-Groove im 9/4 Takt beginnt. Man bewegt sich, unvermeidlich, wie eine Schlange.

Diese Musik riecht. Sie duftet nach Basaren und Gewürzen, nach den fruchtigen Dämpfen der Wasserpfeife, nach gekochtem Mittagessen aus hellen Sandsteinhäusern und der Brise des glitzernden Meeres.

„Ein schimmerndes Lächeln schaut,
silberne Pupillen singen,
ein Lachen, es leuchtet laut,
Tränen, sie luftspringen“

Suzys Gesangstimme hat eine für einen deutschen Text ungewöhnliche Klangfarbe. Der Ton ist ganz anders als man es von einer Sängerin in dieser Sprache je hörte. Denn Suzy rhythmisiert und pulsiert die Worte in einer Art, bis sie den Text entfremdet – und ihn dadurch öffnet. Das geschieht, indem sie sich eines arabischen Sprachklanges bedient, der beim ersten Hören hart erscheinen mag, bei näherem Hinhören aber sehr melodisch und gefühlsbetont ist.

Das Tonmaterial in Sonnige Silberne Freiheit, beruht auf dem Maqam Ḥiǧāz. Diese arabischen Maqāmāt sind – simpel gesprochen – mit den europäischen Kirchenmodi oder den indischen Ragas vergleichbar. Sie sind jeweils bestimmten Emotionen zugeordnet, und im Falle des Maqam Ḥiǧāz handelt es sich um die sogenannte Wüstenferne.

Ein starker Bezugspunkt für diese Musik ist die libanesische Sängerin Fairuz. Diese ist in der arabischen Welt eine Ikone, etwa wie bei uns Madonna oder die Beatles. Als einflussreiche Musikerin dieser Kultur hat Fairuz über 150 Millionen Platten verkauft, ohne dass unsereins je Notiz davon nahm.

Suzy, die bis ins 21. Lebensjahr ihre Stimme „klassisch“ ausbilden ließ, spürte schon damals immer deutlicher, dass sie auf diesem Weg nie lernen würde sich und ihre Persönlichkeit auszudrücken. In der Jugend waren es immer wieder Sängerinnen wie Janis Joplin, die sie viel mehr beeindruckten als die am Ideal der abendländischen Kunstmusik schablonenhaft geformten Stimmen. Sie wollte ihre Stimme befreien und fand in der arabischen Gesangsweise eine Art, die ihr das ermöglichte.

Noch ein Nugget am Rande: Bis sie 4 Jahre alt war, traute sich Suzy nicht zu sprechen. Sie drückte sich ausschließlich singend aus. Noch heute fühlt sie sich im Singen sicherer als im Sprechen. Im Singen ist sie frei, ist sie echt, ist sie Suzy.

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Foto: Dominik Wagner

ARABESKE & DUNKELHEIT

Auch im Lied Arabeske treten Elemente fremder Musiken miteinander in Begegnung. Suzy vertont ein Gedicht des Autors Alexander Nitzberg. Das Stück wird vom Pandeiro, einem brasilianischen Perkussionsinstrument, im 6/8-Beat eröffnet. Live klatschen Suzy und ihre Begleitung stattdessen einen vom Bulerías inspirierten Groove und verleihen der Szene somit einen Hauch von Flamenco.

Das angezogene Tempo des Rhythmus wird in Arabeske kontrastiert von einer keltisch gezupften Gitarre in luziden Akkordfolgen. Während sich Suzy Va’s Gesangsmelismen in diesem Teil mit denen einer jiddischen Klage assoziieren lassen, zeigt ihre Stimme in der Strophe eine andere Farbe. Halb flüsternd und ein bisschen angsteinflößend erzeugt sie ein Bild in morbider Kinderpuppenästhetik.

Wie anders in Dunkelheit! Eine feurige Frau, eine Walpurgishexe! Verheißungsvoll aufgebaut. Noch säuselnd in den Versen, aus denen die erotische Atmosphäre eines Maskenballs widerschimmert. Doch dann spanisch-temperamentvoller Ausbruch, schnelle Wortfetzen – Suzy setzt ihre Stimme in bester Ani-Di-Franco-Manier als Percussioninstrument ein. Wieder so ein ambivalentes Stück, dieses Mal im synkopischen 11/8-Groove.

Welch Frau! In ihrem Inneren brodeln Leidenschaften und Schmerzen, wehen Sehnsuchtsseufzer wie kleine Windstöße über die Stirn, und manchmal erscheinen im erdkrustentiefem Raunen die stolzen Züge einer Dame vom Schlag der Dietrich auf dem Parkett. Da paaren sich Eleganz, Temperament und Verwundbarkeit und bilden die Figur einer starken Frau, wie man sie sich innerhalb der deutschen Musiklandschaft unbedingt wünscht.

RASTLOS UND ROCKIG: THE DAY

Man muss sich fragen: Woher kommt das alles? Die Faszination für die anderen Welten, für fremde Kulturen und Gesänge und Riten? Eine künstlerische Suche, ja gewiss. Doch dass hinter Suzys künstlerischer Suche auch eine persönliche steckt, hat sie lange selbst nicht gewusst und erst beim Schreiben ihres Stückes The Day erfahren.

Sie wurde bei ihren Großeltern in Mecklenburg geboren. Unzählige Umzüge prägten die Jahre von ihrer frühesten Kindheit über die Jugend bis in die Zeit als junge Erwachsene hinein. Sie kannte kein anderes Leben als das der ständigen Ortswechsel. Man entwickelt feinste Fühler für Umgebungen und Atmosphären, ebenso wie den Drang sein spannungsgeladenes Innenleben künstlerisch zu transformieren. Denn auch wenn man nie eine echte Heimat hatte, so bleibt man sein ganzes Leben auf der Suche danach sie wiederzufinden.

2016 organisierte Suzy als Leiterin des Oranienburger Popchors Orange Voices einen Begegnungschor mit Geflüchteten aus Afghanistan und Syrien. Schon während der gemeinsamen Probetage bemerkten die Mitglieder ihres Chores, dass sich etwas besonderes in ihr abspielte; etwas das weit über die organisatorische Anspannung hinaus ging. Die Geschichten und Gesänge der Geflüchteten sprachen sie in ihren tiefsten Schichten an.

Unter diesen Eindrücken schrieb sie The Day, ein rastloses Stück, changierend zwischen sphärischen Parts und härteren Rockriffs. Es vermittelt ein Aufbruchsgefühl, doch gleichzeitig ein Stocken und Stochern und Umschwommen-Sein von Nebel. Zweifelgedanken, Heimatlosigkeit, Flucht und Verwirrung werden greifbar. Vorwärts treiben und rückwärts denken. Die Emotionalität des Stückes ist kaum zu ertragen. Die Qualität dieses außergewöhnlich aufreibenden Songs erkannte auch die Jury des Deutschen Pop- und Rock-Preises und wählte The Day schließlich zum Gewinner in der Kategorie Jazz-Rock-Song des Jahres 2018.

CONSTANTLY CHANGING

Suzy Va, das ist Weltmusik ohne Peter-Gabriel-Kitsch, ohne ignorantes Aneignen des Fremden als „Schmuck“. Sie taucht in die Seele der Musik ein, bis auf den Grund, und kehrt von dort erneuert zurück. Bei ihr ist das vormals Fremde immer auch Ausgangspunkt einer Reise zu sich selbst, und es wird über den Schaffensprozess zu einem neuen dauerhaften Organ in ihrem Körper.

Und somit ist bei Suzy Va die kulturelle Bereicherung, die mit den Zugewanderten in unsere Gesellschaft tritt, keine leere Worthülle, sondern sie wird konkret vorgelebt. Der Reichtum, der in der Begegnung für beide Seiten angelegt ist, kann nur entstehen, wenn man sich eben jenem Reichtum des – noch – anderen öffnet und dessen Eigenheiten integriert. Suzy Va aber geht darüber hinaus: sie saugt auf, saugt ein, mischt, verwandelt und schafft eine Musik, die (man muss es sagen) ihrer Zeit voraus ist. Denn aus ihr singt bereits die europäische Seele der Zukunft.

Und zwar:

Constantly Changing!

Die Albumproduktion konnte sie bereits erfolgreich via Crowdfunding realisieren. Jetzt fehlt nur noch der letzte Feinschliff, dann ist es im Frühjahr 2019 endlich so weit und wir können Suzy Va’s Klang-Welten mit kindlichem Staunen genießen. Am besten bei einer Tasse frisch aufgebrühtem Kamillentee.

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