Stitching, movement and sound im Acker Stadt Palast

Experimentelle Musik mit Nähmaschine, Telefon und Solarzellen

Waghalsig experimentelle Musik lässt sich vorzüglich im Acker Stadt Palast erleben. Ein Beispiel sollen die Eindrücke der intermedialen Musik-Performance „Stitching, movement and sound“ liefern.

Wer bei dem Namen „Acker Stadt Palast“ an ein nobles rechtwinkliges Gebäude im durchgentrifizierten Torstraßen-Quartier denkt, wird zum Glück bitter enttäuscht. Stattdessen: Erleichterung! – ein links-alternatives, flaggenbehangenes Schiff, welches einen glühbirnenbunten Hof birgt. All das in geschwisterlichem Schulterschluss mit dem (ebenso urigen) Schokoladen.

Das Haus, in dem sich der Acker Stadt Palast befindet, hat eine spezielle Geschichte: 1990 besetzten Künstler die ehemalige Schokoladenfabrik an der Ackerstraße. Sie eröffneten eine Kneipe und ein Theater und hatten bald zahlreiche treue Zuschauer. Zwischen 1993 und 2012 tobte ein erbitterter Kampf um das Gebäude mit dem neuen Besitzer.
Trotz oder wegen der schweren Zeiten, als man sich gegen „Investoren und Eigentümer“ hatte durchsetzen müssen, konnte es unter diesen Bedingungen zu dem freigeistigen Kulturraum werden, der es heute ist. Diese Sicherung des Projektes erfolgte Dank der Unterstützung des Berliner Senats und der Edith Marion Stiftung.“

Sehr gut!

Zeitgenössischer Tanz, Theater und Neue Musik: so lauten die drei Pfeiler, auf die der Acker Stadt Palast sein Programm baut. Am liebsten hat er es, wenn die Ausdrucksformen miteinander verschmelzen. Und genau das geschieht, wenn sich die drei Künstlerinnen Bella, Angela Muñoz Martínez und – ja, so heißt sie – Lisa Simpson auf ein Stelldichein verabreden.

 

Die Bühne, bevor auf ihr Verwunderliches geschah. (Foto: Thomas Rohrer)

Lisa Simpson, Bella und Angela Muñoz Martínez

Lisa ist Schneiderin, hat Visual Arts studiert und traf die Klangkünstlerin Bella, die ebenso wie Lisa aus Brasilien stammt, 2016 in Berlin. Gemeinsam führten sie bereits experimentelle Musik im sowieso auf. Nun erfahren sie Erweiterung durch Angela, die sich seit einiger Zeit mit dem Konzept des Deep Listening beschäftigt und darüber hinaus Musikerin in der Punkband Nonofyrbeeswax ist.

Deep Listening ist, kurz gesprochen, eine von der Komponistin Pauline Oliveros entwickelte Praktik des bewussten Hörens, welche den Geist in außergewöhnliche Zustände versetzen kann. Angela arbeitet daran, diese Idee zu einer Körpererfahrung zu erweitern und ist in diesem Zusammenhang auch auf das diesjährige CTM-Festival eingeladen.


Ziemlich…experimentell!

Angela übernimmt an diesem Abend die performative Rolle. Eingangs trägt sie eine seltsam futuristisch anmutende Kopfbedeckung aus Stoff. Mit lieblich spanischem Akzent lädt sie uns zum totalen Fallenlassen ein. Ihre Einladung, welche den Duft einer beginnenden Meditation ausströmt, wird umschlungen von einem wabernden, zuckenden und flirrenden Getümmel aus Störgeräuschen und gedämpften Pipeline-Sounds. Ein Klangwaldungeheuer, gleichsam gruselig, tröstend und anschmiegsam.

I am music with you.
You have the right to sound.
You have the right to listen.
You have the right to be heard.

spricht sie.

Man sinkt ein, lässt los, und hört. Hört Dinge, die sich einer Beschreibbarkeit entziehen. Zu viel passiert, zu viel geht ineinander. Lisa schneidet Stoff mit ihrer mikrofonierten Riesenschere, welche düstere Klangdämpfe speit. Bella lässt feine stechende Computertöne oszillieren, oder loopt und verzerrt Angelas Worte, die bald mit anderen Sprachsamples verschwimmen. Ringt man sich dazu durch, in seinem Fast-Delirium die Augen zu öffnen, sieht man, wie im Düsterlicht eine hochkonzentrierte Lisa plötzlich mit einem präparierten Hut vor ihrer Nähmaschine sitzt, und in gebannter Langsamkeit chirurgische Bewegungen durchführt, welche bizarre Raumklangereignisse zur Folge haben. Und am vorderen Bühnenrand, im Schwarz, sitzt etwas das Angela sein muss, anwesend abwesend, und nun beginnt sie eine krötenartige Krabbelei. Im Hintergrund bewegt Bella stoisch Regler. Dann sinken die Lider und man taucht zurück in den akustischen Traumfluss.

Das schöne ist, dass es sich nicht um intellektuelle Musik handelt. Man kann sich in das Hören fallen lassen, ohne parallel in verwinkelten kulturellen Bezugssystemen denken zu müssen. Kein Formenwissen ist notwendig, welches den Genuss überhöht oder eindeicht. Die Erfahrung ist sehr individuell – wie eine Meditation.

Auf diesem Bild sehen Sie das Instrument „Präparierte Schere“. Made by Lisa Simpson.


Dann eine Stoffperformance

Bald weckt einen die veränderte Lichtsituation. Lisa hat ihre Nähmaschine verlassen und beugt sich skurril unter, über und neben einen roten Telefonhörer. Ihren Hut trägt sie noch immer, und auf ihm erkennt man eine angeklebte Solarzelle. Diese verwandelt einfallendes Licht in Sounds. Aus Bellas Richtung schwappt durch verwaschenes Geknatter die Stimme einer älteren Frau mit Sprechbehinderung, vom Band. Hoch emotional erregt, zutiefst gerührt, ringt die Frau damit sich verständlich zu machen, auszudrücken. Sie überlegt, hängt fest, stockt, gerät in Fluss und Freude und verwirrt sich wieder – eine menschliche Stimme, und sie geht unter die Haut.

Währenddessen hat sich Angela zu einem Textilhaufen bewegt, und nun zieht sie ineinander verschlungene Bahnen zu sich heran: nie enden wollende, gemütliche Knäuel. Es beginnt eine Stoffperformance, in denen Angela zunächst versucht daraus ein Kleidungsstück für sich zu gewinnen. Schon bald aber stehen die Bewegungen ihrer Versuche im Vordergrund. Und daraus leitet sie ein Wedeln und Peitschen einer zum Tuch uminterpretierten Stoffpartie ab, die nun leisere Knallgeräusche durch den Raum schickt. So…fein.

Nachdem Bella noch einen Groove aus dem Stoppen, Spulen und Abspielen eines Tapes aufflackern lässt, schiebt Angela einen dröhnenden Bass-Amp unter Mühen an die Zuschauer heran, an ihnen vorbei, und wieder zurück.

Am Ende dieser vielschichtigen, improvisierten Musikperformance verglimmen letzte Surrer eines frei liegenden Klinkekabels. Der Applaus wirkt, als wären selbst mit experimentellen Performances vertraute Zuhörer irrtiert gewesen.

Die Künstlerinnen jedoch scheinen zufrieden. Erschöpft und zufrieden.


Für weitere freakige Events im Acker Stadt Palast, hier entlang => Klick!

Wer mehr über die Kunst Arbeiten Lisa Simpsons erfahren möchte (die übrigens die beste Visitenkarte der Welt hat, nämlich ein Stück bedruckten Stoffes), möge hier schauen: => Klick!

Bella, die leider in Brasilien lebt, keept uns hier up to date => Klick!

Und Angelas Band „Nonofyrbeeswax“ ist hier zu hören => Klick!

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BILDER:

Titelbild: Gabriel Barrella (links), Davide Maione (rechts) 

Bühne: Thomas Rohrer

Präparierte Schere: Lisa Simpson

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