DKN

MUSIK-VERBINDET-MUSIK?

In der Szene der Inklusiven Musik ist sie längst eine Koryphäe: DKN, die erste gehörlose Rapperin Deutschlands. Und obwohl sie bereits der B.Z. ein Interview gab, in SO36 auftrat und nun der MDR eine TV-Dokumentation über sie dreht, ist sie für die meisten Hörenden noch eine völlig Unbekannte. Wie kann das sein? Leben wir in Parallelwelten?
Dieser Text ist ein hilfloses Irgendwas. Ob er etwas bewirken kann? Ob er der Künstlerin Deaf Kat Night gerecht wird? Wahrscheinlich nicht. Ein Text ist ein Text ist ein Text.

Ein Tatoo auf ihrem Zeigefinger zeigt einen Schnurrbart, den sie sich über die Lippe drückt. Alle lachen. Auf einem anderen Finger ist ein Tropfen tätowiert. Sie tut so als wäre er Schweiß und wischt ihn sich von der Schläfe. Wieder Lachen. Dann schreibt sie „I am crazy“ auf ein Blatt Papier und sagt dazu: „Ich bin verrückt, ständig mache ich Witze. Besonders schlimm wird es, wenn ich müde bin! Manche mögen das, manche nicht. Aber so bin ich eben! I am crazy, so heißt auch einer meiner neuen Songs.“

Sobald sie erzählt, kommt sie schnell in Fahrt und teilweise biegt sie sich quer durch den Raum, macht breite, große Gebärden und spannt eine regelrechte Gebärdensymphonie auf: selbst als jemand, der diese Sprache nicht spricht, bekommt man das Gefühl, sie erzähle sehr ästhetisch, gefühlvoll und vielschichtig.

Dann führt sie vor wie ihr tätowierter Tropfen auch eine Träne sein kann. Und sie erzählt, wie sie letztens ein Foto von sich sah auf dem sie traurig ausschaute, und sie entdeckte: eine Träne die herunterlief. Doch in ihr glitzerte die Sonne. Und da dachte sie sich: „Oh, das ist doch super, echt! Da schreib‘ ich was zu. Also nicht die Träne abwischen, sondern lass‘ einfach weinen! Denn in ihr spiegelt sich die Sonne.“

Deine Träne im Sternenlicht – auch das ist ein neuer Song von ihr.

Bild: Kristin Gerber & Elina Arndt (0objekt.com)

 

WEGE ZUR MUSIK

Kathrin Wolke wurde gehörlos geboren, und sie konnte nicht mit ihren Eltern kommunizieren. Dass es so etwas wie eine Gebärdensprache gab, wusste niemand in ihrem Dorf. Im Alter von 3 Jahren kam sie in einen Kindergarten für Gehörlose, anschließend auf ein spezielles Internat. Als sie 12 war hatte sie kurz nacheinander zwei Erweckungserlebnisse:

Zunächst auf Klassenfahrt in Cuxhaven, als sie in einer Disco zum ersten Mal Bässe in ihrem Körper spürte. „Es war ein wahnsinniges Erlebnis“, sagt sie. Und kurz darauf die entscheidende Erfahrung, als sie zuhause mit ihrer Schwester Musik im Fernsehen sah: Die Schwester sang und tanzte dazu im Rhythmus. Dann drehten sie den Fernseher so laut auf, dass auch Kat die Vibrationen mit den Händen am Gehäuse spüren konnte. Da begann ihr Traum, auch etwas mit Musik zu machen.

So weit, so gut.

Man möchte behaupten: „Sie ist gehörlos und will etwas mit Musik machen – dass das ziemlich utopisch ist, sollte ja wohl klar sein.“ Und da liegt das Problem: Warum in aller Welt sollte das klar sein? Gar nichts sollte klar sein. Außer, dass ein jeder Mensch sich frei entfalten kann.

Doch Kat musste Barrieren erfahren, die für Hörende abseits jeder Vorstellbarkeit liegen. Warum? Menschen sind behindert, wenn sie behindert werden. Punkt. Keine Diskussion.

Und ich nehme mich da nicht aus: Als wir einen Interviewtermin vereinbarten, dachte ich nicht daran mich um eine/n Dolmetscher/in zu kümmern.

Das tut weh.

DIE VISIONÄRE

Zum Glück gibt es den Verein „Die Visionäre“, dessen Zweite Vorsitzende Kat heute ist. Hier fand sie auch ihre heutige Managerin Billa, welche für das Interview dolmetschte und dafür auf ihr Honorar verzichtete.

Der Verein unterstützt Menschen dabei, ihre Träume zu verwirklichen. Man möchte diejenigen, die bei „Die Visionäre“ arbeiten, mit Preisen überhäufen. Aber vielleicht wollen sie es gar nicht. Ihr größter Wunsch ist es – und daran zeigt sich eine gute Tat erst wirklich – sich überflüssig zu machen.

Gemeinsam machten sie sich auf die Reise. Seit 2010 hegt Kat den Wunsch Rapperin zu werden. Und es geschah: 2014 stand Kathrin Wolke als DKN mit ihren eigenen Songs auf der Bühne und spielte ihr erstes Konzert. Vor 200 Menschen.

DIAMANTHÄNDE

Ja, auch Menschen mit Behinderung machen Musik. Auf den gängigen Bühnen der Stadt sind sie jedoch leider vollkommen unterrepräsentiert. So schafft sich die Szene der Menschen mit Behinderung eben eigene Veranstaltungen. Ein gutes Beispiel ist die alljährlich stattfindende Pride Parade – Behindert und verrückt feiern. Dort trat DKN schon zwei Mal auf. 2014 und 2017. Regelmäßiger finden die Handiclapped-Veranstaltungen statt (=>Barrierefreie Konzerte-2019a (Handiclapped)).
2015 wurde ich so erstmals auf Deaf Kat Night aufmerksam. Eine Welle der Freude aus der Behinderten-Szene schwappte zu mir und es hieß: „Schau mal! Da ist eine Frau, die spricht genau das aus, was wir denken, fühlen und tagtäglich erleben!“ Man zeigte mir eine Amateuraufnahme des Tracks „Diamanthände“, und…schaut selbst. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

 

Damit ihre Texte nicht exklusiv den Menschen, die Gebärdensprache sprechen, vorbehalten sind, sondern inklusiv für alle hörbar gemacht werden, arbeitete Kat mit der Rapperin Yansn zusammen, welche Kat’s Texte in Lautsprache übersetzte und rappte. So entstand ein gemeinsames Musik-Erlebnis für Gehörlose und Hörende. Für Auftritte, bei denen Yansn nicht dabei sein konnte, wurde der Lautsprachen-Rap vom Band abgespielt. Mittlerweile ist Yansn selbst ziemlich viel unterwegs. Deshalb arbeitet DKN für die Lautsprachen-Übersetzung ihrer neueren Texte mit der Hamburger Rapperin Finna zusammen.

Unterstützung für die Beats bekam DKN vom Beat-Produzenten Liquit Walker. Dieser baute die Tracks so auf, dass Kat die Signale eindeutig und unterscheidbar in ihrem Körper spüren kann, und somit durch Mitzählen ihre Einsätze treffen kann. Deswegen läuft bei ihren Beats die Bass-Drum durch und es wird auf Break-Parts verzichtet.

Aber wie genau aber muss man sich das vorstellen, was Kat da erlebt? Oder noch viel mehr: Was ist eigentlich Musik für sie?

 

WAHRNEHMUNG VON MUSIK

Wer hörende Ohren hat, dem ist ein Zugang zu Musik geschenkt, der gehörlosen Menschen vorenthalten bleibt. Und welcher Mensch, der hören kann, möchte das missen? Dennoch lässt sich Musik natürlich auch für gehörlose Menschen erleben.

Ich will genau verstehen, wie das ist. Kat sagt, es ist sehr schwer zu beschreiben. Ich erweise mich als begriffsstutzig. Sie fühlt Musik eben. Sie fühlt, ob ein Song lieblich, aggressiv, nachdenklich, wütend, verträumt ist. „Und wie kannst du diese Nuancen unterscheiden?“ Kat guckt mich fragend an.

Über jedes Fragezeichen bin ich froh. Es zeigt, wie wichtig es ist, dass wir miteinander reden.

Sie sagt: Musik hören gehe bei ihr über Vibrationen im Körper. Es beginnt im Fuß, geht über die Beine in den Bauch bis hinauf in den Kopf. Drums knallen hart, und am besten erfährt sie den Bass. Gitarren bekommt sie auch mit. Ebenso die tieferen Register des Klaviers. Aber höhere Bläser, Streicher und Gesänge nimmt sie nicht wahr.

Und wie schreibt sie ihre Texte? Am Computer? Auf einem Blatt Papier? In Schriftsprache?

Sie sagt: Zunächst habe sie ein Gefühl, und dann gehe es einfach los. Ihre Sprache ist die Sprache ihrer Diamanthände, mit denen sie eine ganz eigene, individuelle Schönheit an Bildern ausdrücken kann. Es geht ihr nicht um verästelte Rhythmen, es geht ihr nicht um Reime. Wie sollen sich Gebärden denn reimen? Auch erfindet sie keine neuen Zeichen, um sich auszudrücken.

Kat ist vielmehr originell in der Art wie sie erzählt: welche Bilder sie verwendet, wie groß die Gesten sind, mit welcher Attitüde sie performt werden, und wie sie dazu ihre Mimik einsetzt.

– „Und wie ist das live?“, frage ich.

– „Was meinst du?“

– „Na, wie sieht jemand, der weit hinten im Saal steht, das was du auf der Bühne gebärdest?“

– „Achso. Das wird gefilmt und auf eine Leinwand projiziert.“, sagt Kat und wundert sich mal wieder über meine Frage.

Von welchem Planeten bin ich eigentlich?

Bild: Kristin Gerber & Elina Arndt (0objekt.com)

 

GEHÖRT WERDEN

Nun aber: Welche Möglichkeiten hat sie, um noch weiter auf sich aufmerksam zu machen? Wie bekommen wir ihre neuesten Tracks mit?

Musikaufnahmen sind ja Quatsch. Schon oft dachte sie über ein Musik-Video nach, aber es kostet eben auch viel Geld. Vielleicht schafft sie es zusammen mit einer Förderung vom Music Board Berlin?

Man muss sie also live erleben. Doch auch da stellt man fest, dass sie echt selten spielt. Es gibt zwar unzählige Offene Bühnen jeden Abend in Berlin, aber dort würde sie wohl nur auf taube Ohren stoßen. Sie braucht ja immer jemanden der mit ihr kommt und dolmetscht. Allein wäre sie einfach aufgeschmissen.

Ihre nächsten Live-Termine sind am 10.5. in Potsdam beim Straßenfest für Menschen mit und ohne Behinderung um 21 Uhr.

Und am 14.9. in Berlin bei der Lebenshilfe-Veranstaltung =>„Rock am Berg“ in der Kulturbrauerei.

Sie hat einen Traum, ein Paradies im Kopf: Einen Ort auf einem anderen Planeten, an dem alle Menschen – ob gehörlos oder hörend – eine Einheit bilden und miteinander in Frieden leben und sich verstehen.

Über diese Phantasie schreibt sie in einem ihrer neuesten Lieder. Doch sie sagt: „Diesen Text zu schreiben, das ist gerade sehr schwierig für mich.“

JA, UND NUN?

Gebärdensprachkurse kann man an jeder Volkshochschule besuchen. Die einfachsten Gebärden à la „Hallo, mein Name ist Sebastian, wie geht es dir?“ brachte ich mir in zehn Minuten über youtube-Tutorials und das =>Fingeralphabet bei.

Am Ende des Textes gibt es ein paar Videos für den ersten Einstieg. Ich finde, es sollte Teil jeder Schulausbildung werden, Gebärdensprache zu lernen. Denn eines habe ich ein für alle Mal gelernt: Menschen mit Behinderung sind nur dort behindert, wo sie behindert werden. Die Überwindung der Barrieren beginnt bei uns.

SCHLUSSGEDANKE

Es gibt Bestrebungen Behinderungen bereits vor der Geburt verhindern zu wollen. Das Problem sind aber nicht „behinderte“ Menschen, sondern wie unsere Gesellschaft mit ihnen umgeht. Jeder behinderte Mensch ist eine neue Farbe, eine neue Bereicherung. Es mag am Anfang anstrengend erscheinen sich auf jeden neu einzulassen. Aber noch anstrengender ist es als Gesellschaft zu stagnieren und das Außergewöhnliche an den Rand zu schieben. Vielleicht will es nicht passen in ein System, das sich über Konsum identitätsloser Massenware und regulierten Normen à la Gurkenkrümmung definiert. Wenn jedoch in der „Ordnung“ unserer Gesellschaft das Außer-Ordentliche ständig durch Barrieren schikaniert wird, dann lasst uns doch alle einfach etwas unordentlicher werden.

Einer für Alle und Alle für Einen.

 

Bild: Kristin Gerber & Elina Arndt (0objekt.com)

LINKS

Pride Parade

https://www.facebook.com/PrideParadeBerlin

https://www.pride-parade.de/)

Handiclapped

https://handiclapped-berlin.de/)

Die Visionäre

http://www.dievisionaere.org/

Inklusive Diskotheken in Berlin

https://www.mdr.de/selbstbestimmt/magazin/selbstbestimmt-magazin-februar-inklusiklusive-disko100.html

Interview über die Gehörlosen-Kultur bei krauthausen.tv

https://krauthausen.tv/gaeste-sendungen/sendung-19-mit-julia-probst/?fbclid=IwAR2mmn82PRjyJJVn6WW6O9EHLxhhHqXSvSgjSt3ItcT9scq26Xx_M17PGU8

Körperklänge

Der Verein Körperklänge fördert gezielt künstlerische Aktivitäten von Menschen mit Behinderung:

https://www.facebook.com/K%C3%B6rperkl%C3%A4nge-336417563233867/?fref=gc&dti=385349568149117&hc_location=ufi


BILDER

Kristin Gerber und Elina Arndt von 0objekt.com
E-Mail: nullobjekt.design@gmail.com

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