MAX PIANO

Kinderarmut in Deutschland:

HERZ ZU DEINER TÜR

Hellersdorf. Eine andere Welt. Ihr Vertreter begrüßt mich, angestrahlt von der Sonne, vor der Dönerbude am U-Bahnhof. Zeigt mir das Zentrum von Helle. Er wuchs hier auf, kennt jeden Winkel, jeden Zipfel. Und tausend Geschichten von Leuten, die auf die schiefe Bahn gerieten, zu früh zu harte Drogen nahmen, mit dem Dealen begannen, immer größere Einbrüche begingen und dann „einwanderten“ – in den Knast. Oder von den Mädchen, die mit 14 schwanger wurden. Man riecht diese Geschichten über jedem Quadratmeter Betonboden, den man begeht. Hinter jedem Gesicht wartet ein Schicksal. In jedem Plattenbau eine Tragödie. Und dann kommt einem ein Trupp hoffnungsloser Jugendlicher entgegen, aus offensichtlich problematischen Familienverhältnissen. Mit rebellisch laut aufgedrehtem Ghettoblaster, der Krach absondert statt Musik. Ist das nicht ein bisschen zu viel RTL2-Klischee für die ersten fünf Minuten?

Er – das ist Max Piano. 23 Jahre jung. Alles an ihm ist korrekt: Die Klamotte, das Lächeln, die Ausdrucksweise, die Frisur. Hier, gleich auf dem zentralsten Platz von Helle, spielte er sogar sein erstes Konzert, fällt ihm ein, und er zeigt mit dem Finger dorthin, wo eine Litfaßsäule steht. Und da drüben, in den Twin Towers, waren sie früher illegal nachmittags drin und sprayten, als noch alles leer stand. Und hinter den Twin Towers befand sich früher seine Schule. Doch jetzt sei viel passiert hier in Helle. Die Gentrifizierung sei eingekehrt. Deutlich höhere Mieten. Seit der IGA in den Gärten der Welt 2018 hat sich einiges verändert. Die dumme Seilbahn. Und im CineStar befindet sich nun eine von Lichtlein angefunkelte Indoor-Kletterwand. Verlockend.

Zu jedem Graffititagg erzählt Max eine Geschichte von Banden, Gangs und Schlägereien. Auch er sprayte für einige dieser Gruppen. Wilde Zeiten. Sein Glück, sagt er, bestand darin, dass seine Eltern nicht in Armut lebten. Als er 3 Jahre alt war, zogen sie aus der Platte in ein Reihenhaus. Sein Vater ist ein Kabarettist, seine Mutter eine Sozialpädagogin. Ihre Art und ihre Erziehung, sagt er, bewahrten ihn vor Schlimmerem.

 

Herz zu deiner Tür

Max studierte Sport in Potsdam, bis er sich den Arm brach. Sport und Musik, das waren die einzigen Aktivitäten, in denen er besonders gut war. Und so trat er auch schon während dem Studium in Potsdam mit seinen Songs auf. Infolge eines seiner Konzerte wurde er von der dortigen AWO angesprochen, die soeben ein Projekt gegen Kinderarmut ins Leben rief. Damit war der Startschuss für Herz zu deiner Tür gegeben.

 

Eindrücke zum Song

Das Beste vorweg: Es ist kein Lied, das anklagt oder verurteilt. Es zeigt nicht mit dem Finger auf diejenigen, die nichts unternehmen, sondern stellt sich solidarisch zu den Betroffenen und schenkt ihnen eine Umarmung.

Max‘ Stil ist ein eloquenter Rap, den er durch Elemente klassischer Komposition und Klavierbegleitung auf ein anspruchsvolles Level hebt. Auch Herz zu deiner Tür eröffnet mit einer Klavierfigur, welche durch nostalgische Plattenknistersounds in die Atmosphäre eines traurigen alten Filmes entrückt wird. Dann setzt der Rap ein.

Der Aufbau des Textes ist recht hübsch gelungen:
Zunächst eine kleine thematische Einführung, in welcher er das starke Wort „Hungersnot“ verwendet. Doch es geht nicht um Probleme in der „Dritten Welt“. Sondern um das was unmittelbar vor (bzw. hinter) unseren Türen geschieht.

Nach einer nostalgischen Piano-Interlude plötzlich ein „Szenenwechsel“ (bewirkt durch eine Tonart-Rückung einen Halbton aufwärts). Hier beginnen nun die Geschichten aus dem wahren Leben in diesem achsoreichen und fortschrittlichen „Wohlfahrtsstaat“!

 

Die AWO Potsdam bewirbt die Aktion „Herz zu deiner Tür“

Geschichten aus dem wahren Leben, leider…

In der 1. Strophe erfahren wir von Marie, die mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in eine 2-Zimmer-Wohnung gequetscht lebt. Sie übernimmt erzieherische Aufgaben, während die Mutter an der Supermarktkasse schuftet. Für Hausaufgaben hat sie keine Zeit, keine Kraft. Am Ende bleibt nicht nur die Schule liegen, sondern sie hat überhaupt keine schönen, bereichernden Lebenseindrücke. Armut überall: im Geldbeutel, in den Bildungschancen und in Erlebnissen. Ein Eingesperrtsein im Käfig des Alltags, den man irgendwie über die Bühne bringen muss. Und das soll alles sein?

Ziemlich eindrücklich und prägnant beschreibt der junge Max Piano hier das Schicksal einer systemgemachten Armut. Die kleine Marie ist darin gefangen. Was kann sie dafür? Kommt sie je heraus?

Gänsehaut-Moment als es in den ersten Refrain geht. Man könnte es kitschig nennen, dass im Hintergrund ein Kinderchor mitsingt. Aber wo, wenn nicht in diesem Lied? Überhaupt: ein wichtiger Aufruf, dieses „Zeig mir was du fühlst!“ Verstecke dich nicht!

In der 2. Strophe erfahren wir zunächst von Mohammed der aus Syrien floh und natürlich froh ist, dass er mit seinen Brüdern hier lebendig angekommen ist. Von den Eltern im Text kein Wort…Er wartet vor sich hin im Asylbewerberheim, spielt alleine Fußball, weil er für den Vereinsbeitrag kein Geld hat. Integrationsverweigerung? Jaja, die bösen Ausländer…

Dann erzählt uns Max von Tim: behindert seit seiner Geburt und immer auf fremde Hilfe angewiesen. Die Mutter hat alles aufgegeben um ihn zu pflegen. Daher muss der Papa, ein Schichtarbeiter, das Geld allein verdienen gehen. Trotzdem müssen sie Sozialhilfe beantragen. Und dass sie daher von gewissen Menschen als „Schmarotzer“ beschimpft werden, kann man sich dazu denken.

Wenn so etwas in unserem Land möglich ist – und es ist ja nicht einmal selten – wie in aller Welt kann man behaupten diese Leute bekämen alles „in den Rachen gestopft“? Wie kann man aber auch als Betroffener aus Protest die AfD wählen, die selbst diese mickrigen Sozialleistungen noch abschaffen will zugunsten einer konservativen Wirtschasftselite?

Es ist scheußlich, einem wird kotzübel. Einerseits. Andererseits muss man so dankbar sein, diesem Max Piano, dass er seine frische Kreativität, seine Sprachgewandtheit, seinen Ideenreichtum und seine junge Karriere nicht den nächsten 0815-Themen widmet. Stattdessen erzählt er Geschichten von Ausgestoßenen, an den Rand Gedrängten, von den Mühlen des Systems Zermalmten, denen von vornherein jede Chance fehlt – weil sie ihnen genommen ist – ein würdiges Leben zu führen.

Es ist so ein kleiner Song, 3,5 Minuten. Aber mit jedem Mal hören wächst der Wunsch, er möge diese Welt verändern.

Max Piano signiert die CDs

 

Kinderarmut

Klar, ein großes Thema in Hellersdorf. Max war ja zum Glück nicht betroffen. Aber er hat es erlebt, wie Klassenkameraden sich vor der Schule ihr Frühstück beim Netto klauten. Kinder, die nichts zu essen hatten und sich schämten nach einem Pausenbrot zu fragen. Max macht sich Vorwürfe, warum er damals nicht empathischer mit ihnen umging. „Was hättest du denn auch tun können, als Kind?“, frage ich. „Na, ihnen wenigstens ein Freund sein…“ sagt er.

Mir fällt ein: „Armut ist doch oft auch ein Verhalten. Wenn die Eltern Chips und Milchschnitte kaufen, statt Obst und Gemüse. Wenn man nachmittags Bier trinkt. Wenn man den Tagesplan nach dem Fernsehprogramm „gestaltet“. Wenn man seine Kinder schlägt.“ Ob ich voller Vorurteile stecke? Sicher nicht…

Die eigene Kindheit meldet sich. Tage ohne Essen. Überforderte, alleinerziehende Mutter mit drei Kindern. Sie kommt besoffen nach Hause, wenn ich zur Schule gehe. Irgendwann schwänzen, rauchen, Diebstähle begehen, Schlägereien mit den Usbeken. Eines von vielen Schicksalen, die man begreifen lernen muss, wenn man älter wird und einen alles einholt. Auch Wut auf die Eltern. Hatten sie wirklich keine andere Wahl?

 

Was kann man tun gegen Kinderarmut?

Einfach Geld spenden, da sind wir uns einig, ist Unsinn. Armut ist ja oft auch ein Unwissen darüber, wie mit Geld umgegangen wird. Man kommt zu der rhetorischen Frage, ob Armut im Kapitalismus nicht einfach Teil des Konzeptes ist. Was kann man tun, konkret tun?

Ich fühle mich hilflos, inkompetent und verunsichert. Mir wird düster.

Am Ende chillen wir am schönsten Februarsamstag des Lebens im Sonnenschein auf einer Brücke. Im Hintergrund die Kiste, das Kulturzentrum von Hellersdorf. Vor uns im Goldlicht das Einkaufszentrum und der Bahnhof. Wir freestylen über Old-School-Beats und es duftet wohlig nach Gras. Wir reden über Putin und Trump, so wie man über Putin und Trump redet, wenn man in Hellersdorf auf einer Brücke am Geländer lehnt und von der Sonne angelächelt wird. Unter uns eine Brache. Bei sanfter Stille Spaziergänger mit Hund. Eigentlich ganz schön hier. Ein Gefühl von Geborgenheit breitet sich aus, inmitten all der Platten.

Vor dem Bahnhof hören wir wieder die Kids mit ihrem Ghettoblaster. Aus den Boxen dröhnt die Titel-Musik von Harry Potter.

Lebet wohl..!

 

Hellersdorf.©euroluftbild.de/Robert Grahn

2 Gedanken zu „MAX PIANO

  1. Max, ich bin sowieso von Dir begeisterst, egal was du machst, aber das ist extremst schön.🥺
    „Deine“ Pauline ☺️☺️

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.