ANTIFRED

ANTIFREDISSIMO!

Auf einer Skala von Die Atzen bis Deichkind siedeln Antifred sich nicht etwa in der Mitte an, sondern füllen den gesamten Raum dazwischen. Ihr fulminant schrägesschräger Chaosdisko-Punk liefert mannige Male Anlass zur Ausübung skurrilster Tanzbeinschwünge, bei denen es sich in 75% der Fälle um tollkühne Neuerfindungen handelt. Und wer zu den Langweilern im Publikum gehört und skeptisch blickend an der Seite herumsteht, wird spätestens nach drei Liedern von Sänger und Party-Master Easy Lee im Goldanzug zum Chor von „Smile Like A Serial Killer“ umgepogt. Auf dem Höhepunkt der Eskalationen knallt die Glitzerkonfettikanone. Diese Band ist ein Segen. Oder in ihren eigenen Worten: „Wir sind ein bisschen lalla, dadadidadidada, dadadidadidadum!“

So im Nachhinein erscheint es logisch, dass der Laden in dem sie spielten keinen Namen trug. Immerhin: es gab eine adressenähnliche Vorabinformation. Fotos knipsen war streng verboten. Wahrscheinlich aus Selbstschutz vor selfiemachenden Instagram-Hipstern und deren Hashtags #hiddenplaces #realberlinspirit #secret #punk #underground #graffiti. Man weiß ja nie, ob man sich nicht dadurch so ein paar wesensfremde Dudes in Goldanzug, „Disco“-Ketten und Ein-Euro-Sonnenbrillen vom afrikanischen Strandhändler am Ballermann einfangen würde. Unberechenbare Jugendkulturen un so. Ein bisschen wie das Inselvolk von den Andamanen, welches jeden Missionar mit einem Speerhagel begrüßt und seine Leiche anschließend am Strand aufpfählert.

Genug. Die Location bleibt geheimnisvoll, sagenumwoben, anonym und ungenannt.

Man stelle sich die Atmosphäre eines Jugendclubs in Schwedt/Oder vor: Tischkicker neben der Theke, niedergerungene aber in sich wackere Altpunks vorm Stinkeklo, zerritzte und zerlumpte Saloontüren. Bier für Einsfuffzich. Jeder scheint hier gleichzeitig an der Bar zu arbeiten und im Hausprojekt oben drüber zu wohnen, wo sich eingekrustete Müslischalen in der Küche stapeln. Eine abgeranzte Ecke später findet unter laut summenden Neonröhrenleuchten und schlimm blinkenden Discokugellichtern der viel zu lange Soundcheck statt. Herumstehende Bierflaschen werden zu Bedarfsaschenbechern umfunktioniert. Der Tontechniker arbeitet wie ein Maharadscha auf einer (nur über eine misstrauenserweckende Holzleiter erreichbaren) in der Luft schwebenden Empore. Über der Traverse der zum Einbrechen bereiten Bühne klebt in goldenen Lettern der Schriftzug „ANTIFRED“ und man nimmt diesen Kontrast aus Dorfdissencharm und Las-Vegas-Casino-Glam wahr wie ein Naturschauspiel.

Ein Anti-Konzert

Nachdem die letzten Leuchteketten über Mikrostativ, Gitarrenamp und Bassdrum gezogen wurden und der Raum sich mit Ungeduldigen aller Coleur füllt (man sieht Muttis, Onkels und Tanten aus gehobeneren Villen-Vororten sich zwischen jüngeren angetrunkenen russischen Ravern an ihren Pelzärmeln zupfen) marschiert das goldene Anti-Trio unter schrill tönenden Alarmsirenen Richtung Stage wie ein Abrisskommando von der Insel Olé Olé.

Unter dem erwartungsdurchschwitzten Jubel der Menge wird das Partykonzert durch einen Countdown vom Band eröffnet. Doch nachdem von 10 auf 0 heruntergezählt wurde, läuft die feierdursterzeugende Spannungssteigerungsmaßnahme noch etwas zu gedehnt weiter. Umso kompromissloser knattert dann endlich der Eröffnungssong los. Wirklich warm werden muss die Band gar nicht. Sie sind so heiß, ihnen fließt das Gold durch die Venen. Und dergestalt angereichert pumpen sie auch ihren Proll-Glamour mit siedender Inbrunst in den Saal.

Man könnte sich auch etwas abschrecken lassen von so viel schrullig-überdrehter Show. Doch wenn man sich dann dazu entscheidet mal nur auf die Musik zu achten, wird man erst wirklich perplex. Denn das Songwriting von Antifred ist ein kreativer Vollrausch. Es ist von solch bizarren Köstlichkeiten durchsetzt, als wäre es eine wilde Krone mit tausend funkelnden Opalen, ein jeder ahnengaleriegleich ein Partyvolk in der Geschichte der entfesselten Menschheit abbildend. Nicht nur Diskopunk, Assi-Schlager, Chaos-Pop, Megaphone-Marktschreier-Passagen und Malle-Party-Beats föhnen sie unaufhaltsam durch die überforderte PA. Sie gehen auch ebenso gekonnt wie innovativ mit Rap, Toasting, Fuzz, Dance oder Funk um.

Ständig schüttelt man den Kopf über so viel Phantasie. In keiner Sekunde des Konzertes hat man das Gefühl diesen Wonneflummis würden eines Tages mal die Ideen ausgehen. Antifred sind völlig verrückte Freaks. Gerne würde ich mal eine Stunde in ihrem Kopf verbringen. Nur um nachher im Krankenhaus auf der Intensivstation wiederbelebt werden zu müssen. Doch diesen Trip wäre es mir wert.

Deichtronic

Jedenfalls: man kann diese stetig pulsierenden Energieballen sicher auch stilistisch gut einordnen. Deichkind wurde schon genannt, ebenso Die Atzen. Bestimmt lernten sich Antifred eigentlich bei ihrem Praxissemester vor Egotronic’s Mischpult kennen. In Lloret de Mar.

Das würde zumindest ihr suchtgetriebenes Verhalten nach musikalischen Ausschreitungen erklären. Als nach den ersten exzentrischen Tracks im Publikum meist nur artig gewippt wurde, biss sich Easy Lee an der lahmen Audienz beinahe die Goldzähne aus. Bevor es aber so weit kam stieg er zu ihnen hinab und tanzte auf dem Floor wie ein Elektron auf seiner Umlaufbahn.

Unvergessen auch der einzige philosophische, verletzliche dreisekündige Minimoment, in dem Easy Lee sorgenumweht in sein Glam-Mikro zweifelt: „What is the right thing?“ – nur um einen Wimpernschlag später zu einem discobeatesken Bouncefeuerwerk springtanzend zu antworten: „DO IT! DO IT! DO IT!“ Die Frage von vorher erscheint wie ein aberwitziges Zitätchen aus einer anderen Lebenswelt die hiermit für immer auf eine ferne Galaxie geschossen wird. Existenzialistisch, gewissermaßen. Sartre un so.

Ein nimmersattes Publikum fordert schließlich 150 Zugaben ein, denen die Antifredianer allesamt im Goldrausch nachkommen. Es fehlt nur noch, dass sie „Rollercoaster of Love“ spielen.

Aber vielleicht haben sie sich das aufgehoben für ihr nächstes Anti-Konzert in der verrotteten Dorfturnhalle deines Vertrauens. Adresse? Brandenburg.


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