LEVIN STREHLOW

AUFREGEND UNAUFGEREGT

In einer wild wogenden Landschaft, welche mit quitschenden Farben und schrillen Kunstfiguren nicht selten überfordert, schenkt uns Levin Strehlow eine Insel der Ruhe. Wenn das Spiel seiner Gitarre erklingt und sein sanft-malender Gesang einsetzt, kuschelt man sich dazu wie an einen Kamin. Warme Socken, Wollpulli, Fencheltee. Man lässt los von dem Druck etwas sein zu müssen. Levin Strehlow’s Lieder sind so wohlig unprätentiös, bodenständig und angenehm unspektakulär, dass man plötzlich im Getöse ihm und seinen unschuldigen Erzählungen zuhört. Denn Levin Strehlow verkörpert ein Gefühl, nach dem wir uns doch alle insgeheim am tiefsten sehnen: dem Gefühl der Heimat.

Man glaubt es ja kaum, aber tatsächlich! Doch! Ein Levin Strehlow bietet viel Angriffsfläche. Es gibt da draußen Chaos-Pop und Disco-Punk; es gibt experimentellen Soundbrei aus präparierten Scheren und Nähmaschinen; es gibt musikalisch-kabarettistisches Neo-Dada; es gibt Musik zu verfaulender Salami. So viel Verrücktheit, so viel Avantgarde, so viele kühne künstlerische Entwürfe! Diese Stadt quillt über vor Einzigartigkeiten. Und mittendrin, wie ein ruhiger Baum, steht da ein Junge mit Gitarre, den irgendwie jeder kennt und der Abend für Abend geduldig seine Lieder spielt. Manch einer nennt ihn provinziell. Schließlich kommt er aus Rostock. Und überhaupt: Singer-Songwriter, ist das nicht längst ein ausgelatschter Stiefel?

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Ja, Levin ist Singer-Songwriter. Und zwar genau das und nichts anderes. Und ihn juckt es wenig, was man von einem Musiker mit dem Label based in Berlin dieser Tage erwarten würde: Abgefahrenheit, Kunstzwang, lautschrille Innovativität in einer Nischesnische. Levin Strehlow ist – könnte man wiederum behaupten – gerade darin originell, indem er auf allen Originalitätszwang verzichtet. Über die letzten Jahre, in denen er mehr als 300 Mal auf der Bühne stand, hat er vor allem gelernt, was er alles nicht braucht, um sich auszudrücken.

Indem er reduziert, erzeugt er auf der Bühne besondere Momente der Stille – noch ehe der erste Ton beginnt. In allem was er tut, ist er etwas leiser als die anderen. Leiser, aber umso feiner. Und wenn er singt, singt er aus einem Herzen, das für die Poesie der kleinen Momente schlägt. Entsprechend unverfälscht dichtet Levin in einer ungezwungenen, teils reimlosen Frei-Heraus-Sprache: Über die unalltäglichen Alltäglichkeiten, die im lauten Wogenrausch der Stadt untergehen würden. Zum Beispiel über das komische Verhalten seiner Ex-Mitbewohnerin. Sie versteckte sich vor ihm hinter einem Busch.

hinter dem meer

Die EP auf der sich „Que pasa?“ befindet, trägt den Namen „hinter dem meer“. Fünf hübsche Lieder sind darauf insgesamt versammelt. Wie Fundstücke vom Spaziergang am Strand, die Füße halb im Wasser und in den Taschen: Strandmuscheln, Perlen, schöne Steine. Den Blick halb am Horizont. Die Gedanken schweben nach „hinter dem meer“. Dort, wo ein neues Ufer, ein neuer Kontinent wartet?

meer“ klein zu schreiben ist ja auch ein Kunstgriff: Der schüchterne Gedanke daran das Riesige zu überwinden erscheint plötzlich möglich. Überall finden sich in den Liedern Anzeichen kleiner und großer Sehnsüchte nach dem Dahinter. Aber was ist dieses Dahinter? Vielleicht ist es ein neues Ankommen, ein neuer sicherer Boden unter den Barfüßen, ein neuer Strand mit neuen Fußspuren, die auf eine neue Welt zulaufen. Und wieder unter den heranschäumenden Wellen verschwinden.

Sommersprossengesicht

In „Sommersprossengesicht“ ist das Dahinter die Seele eines Mädchens. Dieses kleine schöne Lied steht ganz am Anfang der EP.

Der Song ist so ruhig wie die glatte See. Fast könnte er verschwinden. Kein Windhauch kräuselt seine Oberfläche. Und er birgt Anmutiges in sich. In diesem Fall ist das die Lieblichkeit der Erzählung. In der Strophe baut Levin die eintretende heiße Jahreszeit auf. Man würde im Refrain jetzt so einen flachen Jubel über die Temperaturen erwarten, und diese typischen Sommersachen, wie dass man Eis isst und baden geht und auf dem Karneval der Kulturen tanzt. Doch: nichts dergleichen. Es heißt schlicht: „Dann ist es wieder so weit und die Punkte erscheinen in deinem Gesicht.“ Wie eine Knospe, die zum Blühen kommt. Da hat sich jemand seinen Sinn für erste Momente bewahrt. Man möchte seufzen.

Beachtlich übrigens die vielen kleinen Melismen, die er mit seiner Stimme einbaut. An manchen Stellen singt er recht leise, und dennoch voll, ohne abzusacken. Einzig am Ende wünscht man sich, dass der Song nicht so ruppig aufhört. Ein Ausklingen hätte doch das schöne Lied angemessener abgerundet 😉

Levin erzählt, dass er einst diesen Track von Lea entdeckt hatte, „Wunderkerzenmenschen“. Er fand das interessant, dass man ja im Deutschen einfach fleißig Substantive zu einem Wort verkleben kann, und „Sommersprossengesicht“ ist nun seine Variante davon. Eine schüchterne Umsetzung dieser Idee. Keine radikale Auslotung dessen, was die Grenzen dieser Neologismenentwicklungsmaschine sein könnten; sondern – ganz Levin-Strehlow-Style eben – ein natürliches, hübsches Wort.

Kalenderblätter

Levin wollte nicht der nächste Songwriter sein mit den Dauerthemen Liebe und Beziehung. Also überlegte er sich auf einem Zettel alle anderen möglichen Songthemen, erweiterte somit seinen Horizont und sensibilisierte sich für die Geschichten, die hinter Begegnungen und Beziehungen stecken.

Ein Beispiel dafür ist das Lied „Kalenderblätter“. Zunächst scheint es so eine songwritertypische Erzählung zu sein von unerfüllter Liebe. Aber bald fällt auf, dass vielmehr das Warten auf etwas im Zentrum steht, die Inaktivität bei der eigenen Lebensgestaltung. Immer warten, dass etwas von außen kommt, dass jemand von außen kommt und was mit einem anstellt. Aber es geschieht nichts. In dem Song verarbeitet Levin auch einen persönlichen Sinneswandel. Gab es Zeiten in denen er darauf hoffte zufällig von jemandem entdeckt zu werden, so ist er heute proaktiver denn je. Er lässt keine Chance ungenutzt und ist kontinuierlich dabei sich und seine Musik aufzubauen. Mit großer Ausdauer und unermüdlicher Energie entwickelt er sich immer weiter.

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Richtung Merkur?

Levin bookt sich Touren und spielt in Bielefeld, Leipzig, Bremen. Emsig sammelt er Erfahrung über Erfahrung über Erfahrung. Dabei vergisst er nicht über den Tellerrand zu schielen. So hört er sich durch ihm völlig fremde Musikstile. Wie z.B. den Power-Metal der italienischen Band Labyrinth – um zu verstehen, wie sie ihre Songs schreiben, und sich somit von verschiedenen Stilistiken beeinflussen zu lassen.

Überhaupt: ihm ist eine ganz eigene „Man weiß ja nie…“-Attitüde angeboren, durch die es ihm gelingt andere Menschen und Künstler nie zu unterschätzen.

So würde er selbst der Grinsekatze Mark Forster zutrauen eines Tages ein unkommerzielles Kunstmusik-Album zu veröffentlichen. Schließlich haben ja selbst die Beatles mit purem Formelpop angefangen: Oder was sonst ist I want to hold your hand?

Wie dem auch sei: Levins Unermüdlichkeit schlägt sich seit jüngster Zeit auch darin nieder, dass er mit seinem Freund und Songwriter-Kollegen k&f die Band Richtung Merkur unterhält. Sie nutzen die Synergien und vertonen gemeinsam ihre eigenen Songs. Diese erfreuen sich dadurch an mehr Farbe, Abwechslung und Schwung. Sie entfalten durch mehrstimmige Gesänge, Klavierpatterns und k&f’s rhythmische Shaker-Beilagen ein anderes ihnen innewohnendes klangliches Potenzial, das man in Solo-Versionen nicht unbedingt erwartet hätte.

Richtung Merkur“ deutet ebenso wie „hinter dem meer“ in die Welt dahinter – mal abgesehen davon, dass der Bandname auf angenehme Weise ungewöhnlich ist. Statt auf den Zug der „Wir sind XY“-Bandnamen aufzuspringen, wählen Levin und k&f eine richtungsweisende Formulierung. Und Richtung Merkur ist, von der Erde ausgesehen, ja auch Richtung Sonne.

Schickt uns ein paar Strahlen!

Foto: Qasim Unger

 

LINKS

Levins Homepage: http://levinstrehlow.de/

Levin auf facebook: https://www.facebook.com/levinstrehlowmusic

Richtung Merkur bei facebook: https://www.facebook.com/richtungmerkur/

Richtung Merkur auf youtube: https://www.youtube.com/channel/UCoY4vEfeftJa23GBSulJqUg

BILDER

GERHARD MICHAEL (labudefoto): https://www.facebook.com/Labudefoto/

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