RAINER VOM FELD

NACH ALL DEN JAHREN

In der Berliner Open-Stage-Landschaft ist er eine Kultfigur. Kaum eine Bühne, auf der er nicht schon spielte. Kaum ein Musiker, dem er nicht schon begegnet ist. Er ist eine Ausnahmeerscheinung, denn er beweist, dass es nie zu spät ist den eigenen Lebenstraum zu verwirklichen. Abend für Abend, Jahr für Jahr spielt er seine Lieder, angetrieben von einer Vision. Die Rede ist von Rainer vom Feld. Und eigentlich müsste der Titel dieses Portraits lauten: „Forever Young (till you die)“.

Denn jung geblieben ist er, oh ja! – und zwar ohne dass er sich dafür verstellen müsste. Rainer kommt mit Hut, Krawatte und im sommerlichen Hemd daher, auf lässige Weise gut gelaunt. Von innen frisch, nach außen wendig. Der Geist: sensibel, wach und neugierig. Stets will er lernen, den eigenen Horizont erweitern und sich von Vorurteilen befreien. Das ist Rainer vom Feld, als Mensch ebenso wie als Musiker.

Die Musik war immer Teil seines Lebensweges: als Anker, Sehnsuchtsort und als Vision. Sie hat nach ihm gerufen, hat ihn an innere Orte geführt, die er sonst nie erkundet hätte. Er hat hörend und fühlend erforscht. Doch selbst ganz und gar ein Musiker zu sein, das hat er sich lange nicht getraut.

In einer Lebensphase, in der andere Menschen sich zur Ruhe setzen und in Behaglichkeiten stagnieren, entschied sich Rainer schließlich für seinen ewigen Traum. Man kann sich kaum vorstellen, wie viel Mut dazu gehört. Wie stark der Wunsch von innen gerufen haben muss! Und es zog ihn dahin wo alle jungen Musiker ihre ersten Schritte unternehmen, scheitern, lernen, Erfolge feiern, weiterziehen: auf die Offenen Bühnen der Stadt. Bestimmt wurde er belächelt, vielleicht sogar verlacht und als armer Träumer und Spinner abgestempelt. Aber darüber zeigt sich Rainer erhaben. Er ist sich seiner Angreifbarkeit bewusst und tut es: trotzdem. Weil er muss.

Und wie er es tut…mit Lebenserfahrung und doch frei und jung.

ES WAR EINMAL IN EINEM KAFF…

Aufgewachsen in einem konservativem Elternhaus in einer hessischen Kleinstadt, spielte ihm von Irgendwoher das Leben den ominösen Zufall zu, dass gerade dort in der Militärbasis der junge Elvis Presley stationiert war.

Das mag zunächst nicht viel bedeuten. Doch es waren die Nachkriegsjahre: Das plattentektonische Knirschen zwischen den Krusten der alten, gescheiterten Welt mit ihren überholten Wertemustern auf der einen Seite, und dem Befreiungsdrang der jungen Generation auf der anderen Seite konnte nicht größer sein. Wie sollen wir uns heute, wo jedes Tönchen kommerziell ausgeschlachtet wird, vorstellen, welch ungeheuerliche Bedeutung die Musik für den gesellschaftlichen Vulkanausbruch hatte? Die Musik war der Gegenruf, und er drang sogar bis in die hessische Kleinstadt vor, in welchem Rainer vom Feld als erste Schallplatte von der Oma die „Deutschen Militärmärsche“ ins Ohr gepresst bekam. Und dann gab es da den Mitschüler „Hänschen König“ mit all den heimlich gehörten Rock’n Roll Platten, von Chuck Berry bis Wanda Jackson ….

Mit 15 kam Rainer zur Ausbildung nach München und entdeckte den Jazz. Oder: der Jazz entdecke ihn, denn die Musik suchte nach ihm, immer. Die Begegnung mit dem Jazz prägt ihn bis heute. Aus dem Radio schnitt er die komplette Geschichte mit, von New Orleans bis Free Jazz. Rainer hörte sich frei. Der Wunsch, es selbst zu wagen, war da – nur der Mut noch nicht.

In den 60ern studierte er in Frankfurt bei Adorno und Habermas. Und später brachte ihn die Liebe nach West-Berlin. Wilde Jahre, die ihn 1975 sogar für eine Nacht ins Gefängnis brachten, als die Polizei im Zusammenhang mit der Lorenz-Entführung die WG’s mit Ladenwohnungen im Keller hochnahm. Das war aber auch die Zeit Leonard Cohen auf seiner ersten Tournee live zu erleben. Vielleicht muss man gar kein virtuoser Jazz-Instrumentalist sein, um sich auszudrücken? Poetische Sprachbilder die zur reduziert gezupften Gitarre erklingen, entfalten eine ganz eigene, unwiderstehliche Kraft…

Vielleicht, eines Tages…?

Als der erste Job mit festem Einkommen kam, kaufte er von seinem Geld Platten wie ein Verrückter. Teilweise 20 neue im Monat. Alles hören, hören, hören! Doch mit der finanziellen Sicherheit rutschte auch der Traum wieder zurück ins Unterbewusstsein.

Version 6

JETZT ABER!

Indem man sich vor Augen führt, wie kühn und mutig sein Schritt auf die Bühne ist, wird man aber Rainer vom Feld nicht gerecht. Er transportiert ja auch Inhalte und hat einen interessanten musikalischen Stil entwickelt. Und darum geht es doch im Kern.

In Rainers Musik treffen sich die Schätze aus den Königreichen Dylan, Cohen und Waits. Doch es ist ein eigener Stil. Geprägt von einer oft „kriminell“-geheimnisvollen Gitarre, die gespielt wird, als würde sie einen anhauchen und dabei verbotenes Wissen zuflüstern. Geprägt auch von rhythmischen Delta-Blues-Basslinien, welche durch die manchmal ungewöhnlichen Harmoniebewegungen leiten und am Ende alles recht smooth erscheinen lassen.

Darüber eine hauchig-rauchig geraunte Stimme, krustig-frisch, altjung und immer halb im Konkreten, halb im Mysterium schwelend. Im Flüstern singend, im Singen sprechend. Manchmal hören wir wirklich die tiefe Stimme eines alten Mannes, der seine Zeilen mit wahrhaftiger Lebenserfahrung spricht. Manchmal aber auch die sanfte Stimme eines Junge, der glaubt und sucht und vor dem das Leben noch offen ausliegt wie ein endlos begehbarer Teppich.

Nach all den Jahren

Ein berührendes Beispiel für dieses Gemeinsam aus Alt und Jung ist das Lied „Nach all den Jahren“. Es ist eine Reflexion darüber, dass die beiden Partner sich ihre Liebe behalten haben durch all die Dunkelheiten ihrer langen Beziehung. Man geht durch elendig schwere Passagen, man erlebt die Abgründe aneinander, und wahrscheinlich auch die fiesen Kleinigkeiten, die nerven wie Mücken in der Nacht. Doch trotz all dem:

Konnten wir uns bewahren
Das Leuchten in den Augen / Das Feuer im Herzen / Das Begehren
Wenn wir uns sehen.

Das ist ein schönes Stück. In einer Zeit, in der man schnell zum nächsten überwechselt wenn es schwierig wird, ist das ein warmes Erinnern daran, wie glücklich es macht, wenn man es schafft beieinander zu bleiben. Wenn man es schafft, die Tiefpunkte einer Beziehung (durch die jede Partnerschaft muss) nicht zu den Momenten werden zu lassen, in denen sie zerbricht.

Ein Lied, das man – gerade weil es von einem älteren Mann gesungen wird, der sogar aus einer Zeit kommt, in welcher die alten traditionellen Beziehungsmuster überwunden wurden – immer wieder hören kann. Es ist fast wie ein kleiner Appell.

Version 2

Das Leuchten in den Augen hat Rainer auch, wenn er darüber spricht, wie er eine lange gesuchten Akkord entdeckt. Er guckt nicht gern die Griffe im Internet nach, sondern er hört was ihm gefällt, und versucht es nach zu spielen. Ein eigenes Suchen und Knobeln beginnt. Und wenn er es hat: wie er glüht! Es ist die pureste, reinste Freude des Aha-Moments! Dass er sich das erhalten hat, ist unheimlich inspirierend.

Überhaupt ist seine ganze Herangehensweise inspirierend. Ob an das Lernen, an seine Mitmenschen oder an die Lebensgestaltung. Seine Vision ist es, die Kluft zwischen Alt und Jung zu überwinden. Und genau diese Vision lebt er, in jedem Augenblick. Er will nicht in einer Blase Gleichaltriger vor sich hin leben, er will nicht für Gleichaltrige Musik machen: er will die Vermischung und den Austausch. Wenn man mit ihm spricht und ihn ansieht, dann sitzt man tatsächlich einem jungen Geist gegenüber. Da ist nichts fest und verhaftet. Da ist nichts belehrend und konservativ. Da ist keine Hierarchie aus mehr und weniger Lebenserfahrung. Rainer ist im Dauerzustand des Lernens und Sich-Entwickelns zu Hause.

Und nichts wäre schöner, als wenn dieses Leuchten noch weiter in die Welt getragen wird!


BILDER

Titelbild: Luna Natalie Schön
Bild 2: Nora Börding
Bild 3: Nadja Ramsaroop

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