NULLMILLIMETER

PRO SEKUNDE

Nullmillimeter sind ein zur Musik gewordener Freundeskreis, in dessen Mitte ein gemeinsames Herz schlägt. Mit schildkrötigem Tempo – null Millimeter pro Sekunde – entwickelten sie in ihrem Proberaum-Kosmos jahrelang Songs, die eine Ehrlichkeit besitzen, die beinahe erschlägt. Zwar besteht ein Großteil der Band aus Berufsmusikern, doch gerade weil sich Nullmillimeter von dem Druck „liefern“ zu müssen befreiten, konnte eine faszinierende, intime Welt entstehen. Und jetzt erscheinen sie, ein bisschen aus Versehen, mit ihren Liedern auf der Erdoberfläche.

Ein warmer Tag im Juni, der im Auto durch Pankower Stau und Baustellen plötzlich schnell hinaus führt in die unglaubwürdige Idylle Blankenfeldes. Dort kuscheln sich hinter Alleen große ruhige Grundstücke und versetzen einen in das Gefühl der Uckermark. Insekten zirpen, brausen, kribbeln. Durch Hecken und Büsche raschelt der Wind, die Erde durftet fruchtig.

Naëma wohnt auf dem Künstlerhof in einem der Bauwägen, an welchem sich verschiedene Kräuter ranken. Überall stehen Skulpturen aus Draht und Stein, es hängen Bilder, und im Hintergrund summt die Schleifmaschine eines Bildhauers. Es gibt ein blindes Pferd, grunzende neugierige Schweine mit struppigen Borsten, hinten kräht ein Hahn. Dann pflücken wir die Blüten vom Lindenbaum, lassen uns neben ihn fallen und reden zwischen den Grashalmen. Ob ihr hier nachts die Sterne seht? Ja. Ob ihr die Flugzeuge hört? Nein, nur manchmal den Traktor des Nachbarn.

Ein halber Zufall spülte sie hier her, als sie vor sechs Jahren bei einer Motorradausfahrt mit ihrem besten Freund Gisbert genau vor dem Künstlerhof eine Panne hatte. Sie klopften an, fragten um Hilfe, lernten die Bewohner kennen, und wenig später zogen sie hier ein.

Trust the timing of your life.

ENTSCHLEUNIGUNG

Über Gisbert lernte Naëma auch die Musiker kennen, mit denen sie schließlich Nullmillimeter gründete. Nach einigen Wechseln bestehen Nullmillimeter neben Naëma heute aus Frenzy Suhr (Bass), Marcus Schneider (E-Gitarre & Backings), Lennart Wohlt (Drums) und Gunnar Ennen (E-Gitarre & Backings) – allesamt professionelle Berufsmusiker. Das heißt Geld verdienen durch Handwerk und Dienstleistung. Man gehorcht eher den Taktvorgaben und Rhythmen des Business, als denen des eigenen Herzens.

Doch bei Nullmillimeter war alles anders. Unglaubliche 4 Jahre trafen sich die Freunde immer wieder zum Proben, ohne den Druck jemals etwas vorzeigen zu müssen. Und mit ewiger Geduld für die langen Prozesse, bis sich die Lieder ausgegraben hatten. Alles bekam seine Ruhe, seinen Platz. Teilweise wurde es schon zum Running Gag, wenn sie von Freunden gefragt wurden, warum sie sich Nullmillimeter nennen: „Na, weil wir Null Millimeter vom Fleck kommen.“ Der Name wurde Programm und so soll auch die zweite Platte „pro Sekunde“ heißen.

Durch diese Entschleunigung aber entstand eine Musik die vollkommen unverstellt und ehrlich ist. Naëma brachte die Liedskizzen mit und in gemeinsamer Arbeit mit der Band reiften sie zu Songs heran. Es ging immer darum herauszufinden: „Was ist wirklich zu 100% meine Musik, die ich machen will, bei allen Facetten, die eine Persönlichkeit mitbringt? Wie klingt die Musik, hinter der ich voll und ganz stehe? Und wer bin ich eigentlich als Musiker, was will ich sagen und was dabei fühlen?“

Diese Fragen können nicht vom Kopf her beantwortet werden, sondern nur intuitiv – das Ergebnis muss ja niemandem gefallen. Und diese Einstellung öffnete der Band ungeahnte Welten. Was dabei an Musik entstand ging weit weg vom Mainstream, teilweise sind es sehr lange Lieder, oft an die 6 Minuten. Nichts für’s Radio jedenfalls.

Es ist genau diese Freiheit vom kommerziellen Erfolgszwang und die Hinwendung zum Herzen, welche die Musiker miteinander verbindet. Und die teilweise sehr drastische Ehrlichkeit spiegelt sich auch im Sound wieder. Zum Beispiel im Song „Drehen und Wenden“.

DREHEN UND WENDEN

Worin besteht die Poesie dieses Songs? Es scheinen Gedankensplitter zu sein, die in den verschiedenen Ecken des Raumes verteilt liegen. Nackt und roh bekommt man alles zu Gesicht. Das kann in gewisser Weise auch schockieren, vielleicht sogar abschrecken. Es stellt den Hörer ungeschminkt vor die Frage, ob er bereit ist, das zu tragen.

Man kann weder „Drehen und Wenden“, noch andere Songs von Nullmillimeter mal so nebenbei hören. Es ist keine Plätschermusik. Die Emotionen ergreifen einen direkt und bleiben schonungslos präsent. Man widmet sich der Musik ganz oder gar nicht. Man könnte fast sagen, es sei eine Art „therapeutische Musik“, doch man wird den Songs damit nicht gerecht. Denn eigentlich sind es gar keine Songs im klassischen Sinne, sondern es sind in Songs gepackte Gefühle. Und diese Gefühle sprengen das Korsett der Songs. Sie treten immer wieder über und wollen sich noch weiter befreien. Das hat eine immense, mitreißende Wucht. So immens, dass man diese Musik im einen Moment in den Himmel heben und allen Menschen zeigen will. Und im nächsten will man diese Musik beschützen vor Ohren, die urteilend und ignorant sind.

Dass „Drehen und Wenden“ von einer sehr dunklen Erfahrung erzählt, ist sofort erspürbar. Und Menschen, die ähnliche Erfahrungen durchlebt haben, können wohl unmittelbar seelisch daran anknüpfen. Es muss aber gar nicht sein, dass man selbst durch diese Finsternis gegangen ist, um sich mit der Musik von Nullmillimeter verbinden zu können. Vielleicht wird man, nachdem man die Lieder gehört hat, wacher und aufmerksamer für sein Umfeld und merkt: da geht es jemandem schlecht. Und man will ein besserer Freund sein, ein besserer Mitmensch.

HEIMSPIEL

Man darf sehr froh sein, dass Nullmillimeter mit ihrer Musik nun öffentlich werden. Das geschieht infolge eines „liebevollen Arschtritts“ den Gisbert der Band verpasste. Nun treten sie zum ersten Mal überhaupt live auf. Und zwar auf dem „Heimspiel Knyphausen“, unter anderem mit Tocotronic und Gurr. Und das, nachdem sie noch nie jemals vor irgendwem spielten. Nicht einmal vor drei Freunden. Aber auch das passt auf eine Art zur Geschichte der Band.

Alles sucht sich seinen Weg. Die Impulse kommen zum richtigen Zeitpunkt. Und sie kommen aus einem Freundeskreis, in dem sich die Menschen liebevoll und schützend umeinander stellen. Sie geben einander Zeit, positiven Zuspruch, sie kennen die Stärken und Ängste der anderen und wollen füreinander das Beste. Ohne zu drängen, zu zwingen, und doch mit den richtigen Abstubsern im richtigen Moment.

Und was gibt es wichtigeres im Leben als das?

 


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