NICHTSEATTLE

AUF DER SUCHE NACH DER VERLOREN GEGANGE…

Live in der Kugelbahn, Wedding

Etwas stürzt ein, wenn sie zu spielen beginnt. Eine Hoffnung verschwindet und macht Platz für eine Leere, die man so wohl nur in den Dörfern Ostdeutschlands empfinden kann, an denen kein Zug mehr hält, an denen die Bahnschranke verrostet, in denen verlassene Wohnungen leben, mit eingestaubten Konserven mit Pfirsichkompott. Wer hier noch atmet, guckt nachmittags Fernsehen, bei offenem Fenster, Kaffee und Kuchen, hat resigniert.

Man müsste diese Musik hören, wenn man auf langer Autofahrt über sinnlose Landstraßen die Frage nach dem Warum nicht beantworten will. Wenn man eigentlich auch einfach stehenbleiben könnte, irgendwo auf dieser Straße, und dann mit dem Kinn auf’s Lenkrad sinkt und bewegungslos richtungslos guckt. Dass jemand kommt und hupt ist unwahrscheinlich, wohl eher würde sich diese Person dazugesellen und das selbe tun. Und dann kann ein Song auch einfach 9 Minuten dauern.

Diesen Tag, häng‘ ihn doch einfach auf der Leine auf,
soll er da trocknen, wie jeder andere auch.“

Man steht jedoch im Wedding, an einem Donnerstagabend nahe der Bösebrücke, die für die Feierlichkeiten des herannahenden Einheitstages vergessen wurde, so wie Ostdeutschland immer vergessen wurde, und es regnet nicht. Nichtseattle hebt zwischen den Pflastersteinen etwas Liegengebliebenes auf. Es muss sich um die Ostalgie* ihrer Eltern handeln, doch man fühlt, dass sich diese Spurensuche stark um eine Identität dreht, die die eigene ist.

Etwas stürzt ein, aber es ist kein Hochhaus, kein Plattenbau.

Manchmal schwingen sich Passagen ihrer Songs zu Hymnen auf, und werden es dann doch nicht. Wählen einen wolkigen Weg, wie durch die Nebel einer verblassenden Erinnerung, die nicht die eigene ist. Die Songs sind erzählerisch, sie reden als wären sie Sätze, dabei sind sie alles andere als das: Sätze. Sie sind ein mutiger Griff in das Ungesagte. Nichtseattle zieht zwischen den Mauerritzen, nebst Staub und verwaschenen Tagträumen, Lyrikfetzen hervor, die an der Schwelle von Selbstgespräch zu Runtergeschlucktem entstanden sind. Es ist Lyrik, die hinter das Schweigen spürt, auch hinter das eigene. Und Lyrik, als hätte sie ihrer Seele einen Bleistift geliehen und damit eine Gedankensprache gezeichnet, die nur die erwachsenen Kinder kennen.

 

Der Sound ist geprägt von der semisuizidalen Schwere und Losigkeit, wie man sie von Songs:Ohia kennt. Fast so, als würden Bilder von Wim Wenders verklanglandschaftlicht. Angedickt mit einem Dreck, der an Riffbrocken wie in Neil Young’s „Southern Man“ erinnert. Dadurch entsteht so etwas wie ein Tocotronic für Ostdeutsche. Etwas, das nie da war und vielleicht deshalb vermisst wird. Das sympathischste an allem aber ist dieses ihrer Kehle entsteigende Mischwesen aus der frühen Judith Holofernes und der suchigen Dota. Nur, dass ihr mehr verzweifelter Grunge gelingt.

Das Kinn lehnt auf dem Lenkrad und niemand kommt und niemand hupt.

Das ist Nichtseattle, wenn man in alten Halbdörfern Verwandte Zweiten Grades besucht, die noch in der Vergangenheit leben, weil es in der Gegenwart schon lange nichts mehr zu gewinnen gibt, und man sucht nach der Verbindung zu ihnen, und zwar nach der, die nicht nur auf dem Blatt familiär ist, sondern nach der, die darüber hinaus geht. Aber wie die sein soll, weiß hier auch keiner so genau. Man weiß nur, dass man gegen eine Lähmung anringt und irgendwo in diese riesige, nie regnende Wolke der Resignation einen Protest reinboxen will, reinboxen muss, damit vielleicht eine Antwort raustropft, und dann merkt man, dass Aufbegehren vielleicht gar kein Weg ist, um diese Menschen und sich selbst zu erreichen, weil sie sich nach dem Ende der Lautstärke sehnen.

Und dann denkt man, das ist ja vielleicht auch eigentlich okay, nach all dem.

Und immer dann hört der Song auf.


 

* Anmerkung der Künstlerin zum Wort „Ostalgie“:

„Mit dem Wort Ostalgie habe richtig ein politisches Problem. Das ist für mich ein Westmedienwort der 90er, das Entwurzelung, Arbeitslosigkeit und Depression bei vielen zu so nem albernen, kitschigen Gefühl kleinmacht. Also und irgendwie gibt es einige Texte von mir, die auch antreten, um das anzuerkennen, dass die Leute ganz schön was hinter sich haben. Sie sind kritisch und verarbeiten eine Sozialisierung in unterschwelliger Depression, aber sie sind auch irgendwie verständnisvoll. Es heißt ja deshalb auch „Lullaby Nach Greifswald“, weil es ein Schlaf-, also auch Trostlied ist. Und ich bin auch richtig Antikapitalistin, auch wenn das jetzt plump klingt. Und ich finde nicht gut, wenn man den Realsozialismus benutzt, um vermeintlich zu beweisen, das Kapitalismus irgendwie gut und als einziges richtig ist. Der ist genauso unmöglich. Das aber steckt für mich auch in dem Wort Ostalgie. Das Wort macht sich lustig, ist total von außen und vorallem von oben herab. Meine Eltern hatten keine Ostalgie, sie hatten ein gebrochenes Herz.“

 


 

LINKS

=> facebook

=> Soundcloud

=> Interview auf Radio Eins

BILDER

Headerbild: =>Ralf Schuster

Abschlussbild: =>Verein vom Oderbruch Open-Air-Festival

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.