TOMOKO SAUVAGE im SAVVY Contemporary

Untraining the Ear

Es geschah am Geburtstag der Kunst. Genau genommen an deren 1.000.057en. Robert Filliou hatte 1963 den 17. Januar zum Art’s Birthday erklärt, und zwar direkt zu deren Einemillionsten. Nun also heute, 57 Jahre später, und es war gut: eine japanische Dame wie aus Seide spielte filigran Wasser. Dank ihrer Erfindung, dem „akustischen Synthesizer“, konnten wir den Klängen lauschen und uns in Bezirke der eigenen Seele entführen lassen, welche älter sind als die Zeit.

Neben vielen neugierigen Zuhörern (die mit großen Ohren auch dem anschließenden Artist Talk lauschten) drängte sich zur Performance allerhand Publikum hinein, welches glaubt, man braucht nur 1 Hut und 1 Instagram-Account und schon ist man 1 Künstler. Das waren auch diejenigen, die zu spät kamen und zu früh gingen und zwischendrin nervös herumraschelten. Die Musik muss sie überfordert haben, da nicht alle zwei Sekunden etwas neues aufregendes geschah – zumindest nicht für ihre Ohren. Denn es geschah durchaus unaufhörlich etwas neues aufregendes. Nur zarter und leiser, als im Falle jener marketingverseuchten Kompositionen, die sich ausschließlich mit extrem niedriger Aufmerksamkeitsspanne ertragen lassen.

 

With Untraining The Ear, we propose exercises to decipher sound beyond its contextual affiliation of geography, genre, and valences of identity. It is an attempt to press II [pause] to the daily storm of sonic vibrations, and voice a call to examine and explore the auditory beyond the hearing and start to LISTEN. This exercise, becomes an instant, immaterial and transportable exhibition space that suggests listening in-between radio frequencies and between frequencies, the lines of time and language.

– SAVVY Contemporary

 

Das Wissen ausblenden, dass die Sounds durch Bewegung von Wasser entstehen, würde man die Musik „Deep Water Music“ taufen. Denn die Klänge erinnern an das Tauchen im ewigen dunklen Bauch des Ozeans, wo Licht und Zeit verschluckt sind, genau wie man selbst. Sie erinnern an die mystische Schönheit der Walgesänge, in denen eine Ahnung davon mitschwingt, es handle sich bei ihnen um die Musik unserer Ur-Vorfahren. Und sie erinnern an das Tönen der Wesen, die da sind bevor alles beginnt: an die Ungeborenen. Sie erinnern an die Klänge, die uns erfüllen würden, wenn wir ein Stethoskop an das Herz des Planeten Erde hielten. Die Ambivalenz, dass eine solche spirituelle Tiefe erst mithilfe eines hochentwickelten technischen Setups ausgedrückt und erfahren werden kann, begeistert. Und sollte Kulturpessimisten verstummen lassen.

Der Name der japanischen Dame lautet Tomoko Sauvage. Seit 12 Jahren experimentiert sie mit den Elementen Wasserschale, Porzellan, Glas und Soundsystem. Ihre Versuche brachten ihr anfangs, das heißt in den ersten 5 Jahren, viel Kritik ein. Die nächsten 5 Jahre schwieg man sie an. Seit 2 Jahren regnet es Lob und Anerkennung.

Ursprünglich studierte Tomoko, deren musikalisches Denken stark durch Alice Coltrane und Terry Riley geprägt ist, Jazz-Piano in New York. Doch sie erkannte schnell, dass die intellektuelle und akademische Herangehensweise an das Musizieren ihrem Talent für sinnliches Empfinden und Balance widersprach. Sie ging nach Paris, dort studierte sie Hindustanische Musik, deren Instrumente sich u.a. dadurch auszeichnen, dass sie die Möglichkeit bieten, die Tonhöhen stufenlos zu beeinflussen. Dort kam sie auch in Berührung mit dem indischen Wasserinstrument Jaltarang. Eines Tages stand sie dann in ihrer Küche und fühlte sich dazu inspiriert an Wasserschalen herumzuklopfen. Womit alles begann.

Seitdem haben sich ihr Gehör und ihre Art zu hören stark verändert. Wenn sie organisierte, „bereinigte“ Intervalle hört, wie wir sie am Klavier vorfinden: wird ihr schwindelig. Der „akustische Synthesizer“, ihr eigenes Instrument, hingegen erzeugt nur ungeformte, „organische“ Frequenzen, welche Schwankungen unterliegen.

Wie jedoch geht sie genau vor?

Zunächst versetzt sie mit ihren Fingern das in Keramik- und Glasschüsseln liegende Wasser auf verschiedene Weise in Bewegung. Mittels sogenannter „Hydrophone“ – welche sie entdeckte, als sie Soundscapes von Wasserinsekten aufnahm – werden die entstehenden Schwingungen in Frequenzen übersetzt. Diese Frequenzen und deren Obertöne überlagern sich aber stets und erzeugen somit Feedbacks. An ihrem Mixer reguliert sie mit der trockenen Hand die Lautstärken, Fadings und Balancen.

Tomoko hat sich ein gewisses Grundvokabular an klangerzeugenden Techniken angeübt, mit welchen sie live spielt. Allerdings gibt es auch Elemente des Ungewissen. So haben der Klangraum, die Architektur, die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit einen großen Einfluss auf das ertönende Resultat – weshalb ihr Soundcheck nicht selten bis zu 2 Stunden dauern kann. Darüber hinaus hat Wasser die Eigenschaft zu verdunsten, was wiederum stark durch die Anwesenheit des Publikums beeinflusst wird, und was die Frequenzen, Obertöne und Feedbacks ihrer Wasserwellen verändert. Doch auch damit experimentiert, spielt und jamt sie.

Das Abschlusswort gehört der Kunstgalerie SAVVY Contemporary, welche die Listening Sessions, innerhalb derer Untraining the Ear stattfand, bereits seit 2 Jahren veranstaltet:

With the Listening Sessions, SAVVY Contemporary, Deutschlandfunk Kultur and CTM Festival suggest an alternative way to listen to music and sound. In order to contextualise how we listen to the world today we also need to replay the past of abounding sonic references. We (the audience, the performers, the space, the radio, the moderators and the technicians) will rhetorically navigate through archives of maverick composers in the attempt to reindex their contributions, to create other possible genealogies and narratives. By involving sound practitioners coming from diverse genres to perform, and scholars to discuss works of the composers, we listen back to the influence and ingeniosity of musicians and sound artists who defy the linearity of 20th century avant-garde music history. We would like to shed light on and unbox works of pioneers such as Halim El-Dabh, Eliane Radigue, Jose Maceda to mention a few. We will also commission new works to echo and reflect (with a contemporary take) rare archival body of works that have been marginalised by history of avant-garde music and sound art.

 


LINKS

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BILDER

Leo Lopez

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